Insel-Du(de)


Letzter Akt. Fata Morgana nennst du diese letzte Insel. Gerade erst bist du fast untergegangen, denn unter dem Weg zum Gipfel stapelte sich bloß das Meer.

Die Hoffnung des Menschen will nicht aufhören zu schlagen, also gehst du wieder los. Ein Aufziehmännchen auf dem Weg zum Untergang. „Lass dich nicht überraschen!“ „Lass dich überraschen!“ „Geh weg.“ „Bleib hier.“ „Geh doch, wohin der Pfeffer wächst.“ „Bleib bei dir.“ „Wer bist du?“ „Ich kann nicht denken.“ „Fühlst du mich?“ „Hier bin ich.“ „Ich bin nie da gewesen.“ Das Maschinengewehr der Gedanken erschlägt ihresgleichen.

Unversehens ein klarer Moment. Von deiner Fata Morgana aus siehst du Aurora auf dem Wasser schweben.

Sie ruft dich. Sie ruft dich. Du schwimmst ihr entgegen. Kopf über Wasser. Immer geradeaus. Links und rechts kann dich mal. Als du näher kommst, ist sie immer noch da, ein heller, zitternder Körper, der sich dir entgegenknospt. „Hallo Aurora, geile Aura.“ Für schlechte Witze bist du berühmt. Aurora lacht.

Sie lacht! Ein Sonnenstrahl streift deine UnZuversicht. Du vergisst, dass du hier bist, um zu sterben. Du nimmst ihr Kinn und drehst sie zu dir. Sie sieht dich an. Eure Augen explodieren. Ihre Küsse schmecken nach Milch.

Ihr Körper ist ein Gelände der Begehrlichkeiten. Ständig sucht sie deine Nähe. Aurora! Ihr suhlt euch im Dreck der Unsterblichkeit. Zeugt Gedankenkinder und -kindeskinder. Baut Paläste. Dein Hirnquartett versammelt sich zu acht und spielt in Sechzehnteln. Du ertappst Aurora, wie sie in den Noten herumkritzelt und gerätst vollkommen außer Takt.

Irgendwann sagst du derbe Dinge.

Aurora weint weiße Tränen. Ihr versöhnt euch. Körperlustgemenge, Explosionen und Zittern. „Wieso leidet sie?“ „Ich bin der Gejagte!!!“ Aurora zählt heimlich Pillen. Ihr führt Gespräche, die unversehens enden. Aber eure Hände finden sich immer wieder. Aurora seufzt. Ich habe dir nichts versprochen, wehrst du ab. Was willst du, sekundierst du dich selbst. Eines Morgens denkst du, sie verlässt dich und du gehst zuerst. Rote Tränen. Schwarze Tränen.

Du puhlst dir die Träume aus dem Kopf und backst ein Brot daraus.

Immer wieder Auroras Brüste, die direkt in deinen Schoß ragen. Billiger Trick, schimpfst du, dreibeinig humpelnd.

Gott ist tot und straft dich. So kompliziert ist es und nicht anders.

Aurora morst mit ihren Brüsten, dass sie auf dich warte, da, wo die Gegenwart Liebe zwischert. Wütend legst du eine Wolke von Gifs über ihre Milchdrüsen. Ihre traurigen Augen sprühst du zu.

Du baust dir die allerletzte Insel. Als du fertig bist, küsst sie sie. Und ein scheiß Regenbogen schießt zum Himmel.

Bild: pEpA

Vergegenwart


(c) Anja Mutschler, 2021

Fetzen

2. UG, Flur hinten links, da liegt die

Erinnerung in zugeklebten Laden, von A bis

L nur

der Rest ging verloren und schwebt als Staubpartikel

im nördlichen Flügel ich kann sie

riechen

obwohl sie gar nicht mir gehört.

******

Treppenhaus

Hier links, dann rechts und nochmal gerade

aus ich stehe vor dem Pasternoster er fällt

hinein in seine eigene Vergangenheit nur ein Seil

hält

mich ab, mit hinein zu stürzen auf halber Treppe

stehengeblieben ich eile wieder hinauf, habe aber

vergessen

wo links ist und wo rechts und

kein Mensch weiß, wohin, sie sehen so alt aus

wie die abgeschabten Wände an denen Fenster kleben

die mein Auge hinaus, aber nicht in die Gegenwart führen

Fassade von damals

Staublunge von damals

steht

Nur ich, heute, falle hinab ohne über Los zu gehen.

Der Pasternoster fährt wieder.

****

Badewanne

Dunkles Baden, die Leuchte haucht den letzten Atem

energie-ungewendeten Lichts

kein Schaum bleibt stehen auf gesprungenen Fliesen

die Keramik verrät nicht ob jemand einst

unterging

oder wieder ertrinken wird im Schall des ablaufenden Wassers.

****

Staub

Ordentlich gestapelter Staub als Zollstock der Erinnerungen die zu haben

ich habe

obwohl ich nicht dabei war bohrt die gewienerte Überwachungsübereinkunft sich

in meinen rechten Zeigefinger und

wandert von dort in mein Herz, in dem

unbeobachtet

die Freiheit der Menschheit

erdolcht wurde, vor vielen Jahrtausenden

und doch ist der Schmerz immer neu.

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Schweigen II


(c) Michael Mutschler, 1994.

Heiraten, hörte ich eine Frauenstimme fragen. Ihr wollt heiraten? Das Fragezeichen fällt fast hörbar auf den Tisch, der zwischen ihnen steht. Ich sitze im Zug und fahre nach Berlin. Gerade passieren wir einen Stausee, von dem ich mir jedes Mal vornehme, nachzusehen, wie er heißt und warum es ihn dort gibt. Nachdem man eine halbe Stunde an platten Felder vorbeigefahren ist – die man ignorieren muss, möchte man in Berlin noch einigermaßen wohlgemut aus dem Wagon steigen – ist dieser glitzernde, blaue, weite See, der immer in der Sonne zu liegen scheint, eine Irritation. Eine wohltuende Erscheinung, aber so erstaunlich wie ein fröhlicher Vater morgens im Kindergarten. Ja, höre ich die andere sagen, ihre Stimme ist tiefer, angenehm und ich stelle mir vor, dass sie dunkles, schönes Haar hat und einen herbstroten Lippenstift trägt. Wir heiraten!

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Auf einer Welle sitzt auch mal eine Katze


Die Katze isst Gulasch. Mein Gulasch, das auf dem Gartentisch stand, als das Telefon klingelte. Ich habe sie nicht eingeladen, aber nun ist sie da. Sie sieht mich an mit diesem typischen Katzengesicht, das gleichzeitig lächelt und verschlagen dreinblickt. Sie ist schwarz mit ein paar weißen Flecken. Als die Kinder heranstürmen, springt sie weg.

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Ich wünschte, Peter Høeg hätte das geschrieben


Die Debatte zur Frauenquote. Ein Kammerstück.

Stabwechsel. (c) Michael Mutschler, 2011

Stabwechsel. (c) Michael Mutschler, 2011

Es treten auf:

  • Die Frau, die kann, aber nicht will (Frau Willnicht, aka: Will-Nicht).
  • Der Mann, der will, aber nicht kann (Herr Kannicht).
  • Der Mann, der nicht kann, aber darf (Herr Wieesheutesoläuft).
  • Die Frau, die können wollen würde, wenn sie dürfte (Frau Wieesheutesoläuft).
  • Die Frau, die neuerdings darf, obwohl keiner das will (Frau Quote).

Ferner:

  • Fachkräftearme Vorstandsvorsitzende.
  • Und Artemis.

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Schweigen I


Im Café der Bäckerei schweigt ein Paar. Das Erstaunliche daran ist, dass es der Mann ist, der den trostlosen Aussichten mit charmantem wie eingefrorenem Lächeln entgeht. Sie schaut so grimmig, dass sie sich seiner ganz sicher sein muss. Mir fällt ein anderes Paar ein, bei dem ebenfalls er es ist, der Krisen weglächelt. Allerdings ist jener ansonsten alleinerziehend.  Das Muster des lächelnd-grimmenden Paares  ist mir geläufig, ansonsten aber andersherum. In einer besonders deutlichen Ausprägung habe ich es kürzlich im Hotel gesehen und auf ein deutsches Paar getippt (es waren aber Engländer).

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