Schweigen II


(c) Michael Mutschler, 1994.

Heiraten, hörte ich eine Frauenstimme fragen. Ihr wollt heiraten? Das Fragezeichen fällt fast hörbar auf den Tisch, der zwischen ihnen steht. Ich sitze im Zug und fahre nach Berlin. Gerade passieren wir einen Stausee, von dem ich mir jedes Mal vornehme, nachzusehen, wie er heißt und warum es ihn dort gibt. Nachdem man eine halbe Stunde an platten Felder vorbeigefahren ist – die man ignorieren muss, möchte man in Berlin noch einigermaßen wohlgemut aus dem Wagon steigen – ist dieser glitzernde, blaue, weite See, der immer in der Sonne zu liegen scheint, eine Irritation. Eine wohltuende Erscheinung, aber so erstaunlich wie ein fröhlicher Vater morgens im Kindergarten. Ja, höre ich die andere sagen, ihre Stimme ist tiefer, angenehm und ich stelle mir vor, dass sie dunkles, schönes Haar hat und einen herbstroten Lippenstift trägt. Wir heiraten!

Nun liegen ein Ausrufezeichen und ein Fragezeichen auf dem Tisch zwischen ihnen und ich frage mich, wie das Gespräch weitergehen wird. Im Grunde ist nichts mehr zu sagen – man könnte sich freuen, denke ich, wieso freut sich die andere nicht, gehört zu diesen neurotischen Superschlauen, denke ich, die niemals einer fragen wird, ob sie ihn heiraten wird,.Weil er Angst hat, dass er die Frage falsch formuliert oder gar moduliert hat. Wäre ich innerlich aufgeräumter, würde ich jetzt aufstehen und der, die ich für brünett und dezent geschminkt halte, gratulieren. Der See, dieser heimliche Schöne ohne Namen, ist längst vorüber und nun wechseln sich wieder Felder und Windräder ab, die in der nebligen Brühe schon eher die Ausstrahlung von Morgenvätern im Kindergarten haben. Ich bin nicht aufgeräumt genug.

Ich, sagt die andere mit dem Fragezeichen, versteh das nicht. Du warst dir doch nie sicher bei Luis. Was ist passiert?

Viel eigentlicher hängt in der Luft: Und wieso erzählst Du mir nichts, aber diese Regung unterdrücken Frauen jenseits der Zwanzig für gewöhnlich.

Nun, sagt das Ausrufezeichen, es war vor ein paar Wochen, Luis war unterwegs und wir haben über Skype telefoniert. Also du weißt schon, mit Bild, so dass man sich sieht, obwohl man nicht zusammen ist. Das ist immer ein bisschen seltsam, aber andererseit hilft es, sich nicht zu vergessen und ehrlich gesagt weiß ich auch besser, wer er ist, wenn ich ihn sehe …

… ja, weil er so gut aussieht, kichert das Fragezeichen. Da vergisst man gerne seine Schwächen.

Es ist im folgenden Moment des Schweigens nicht klar, wie das Ausrufezeichen das Fragezeichen ansieht: akkusativ oder eher imperativ, auch das kann ich nicht sehen. Ich denke, dass es mir ganz recht ist, dass ich keine Kamera habe, gerade, aber ich sehe auch nicht gerne Verfilmungen von Büchern an, weil die Helden meistens hässlicher und dümmer, mit mehr Agonie oder fieser dargestellt werden als meine Phantasie mir erlaubt hat.

Wie dem auch sei, fährt Ausrufezeichen fort, ich weiß gar nicht, wie es kam, aber wir haben uns angerufen und nichts gesagt. Vielleicht hat einer von uns beiden ferngesehen oder der Ton war kaputt. Auf alle Fälle haben wir uns beide über eine Stunde beim Leben begleitet und immer wieder angesehen. Kurz vorher hatten wir noch gestritten, einer dieser wenig produktiven Streits, in dem es mehr ums Rechthaben als um die Lösung ging. Ich war immer noch etwas böse, als er läutete, das weiß ich noch, aber als ich ihn sah, lächelnd, schweigend, wollte ich nicht noch einmal und wieder damit anfangen.

Ihr habt euch also angesehen, stellt Fragezeichen fest. Und dann? Ich meine, ihr seht euch doch oft genug, also auch an, und es ist mir nicht ganz klar, warum ein Sichansehen, schon gar nicht echtes, sondern nur so ein vermeintliches Ansehen, etwas in dir auslöst, dass du ihn jetzt heiraten willst?

Hinter diesem Satz war nicht nur einer, da waren drei Fragezeichen. Ich denke, dass Fragezeichen entweder in einer sehr langen Beziehung sein muss oder in gar keiner. Verliebt ist sie auf jeden Fall nicht.

Na ja, Ausrufezeichen klingt etwas verlegen, ihre Stimme wird leiser und ich setze mich gerader hin, um mehr verstehen zu können. Ich kann das vielleicht nicht so gut erklären, du bist ja immer eloquenter als ich, sagt sie (was ich eine sehr diplomatische Umschreibung für „hyperpragmatisch“ finde). Aber es war auf alle Fälle so, dass wir uns angesehen und nichts gesagt haben und trotzdem war so viel da. Ich glaube, ich habe vorher nicht gewusst, was für ein Mensch er ist und als er geschwiegen und gelächelt und mich angesehen hat, diese Güte, diese Größe, die er plötzlich bekam, das hat mich einfach umgehauen. Das war mir nicht klar, dass ich mehr von ihm erfahre, wenn ich ihn schweigen lasse. Es ist ja auch dieses bescheuerte Klischee, dass Männer schweigen und Frauen reden, wenn sie sich wohlfühlen. Und natürlich habe ich am Anfang dieses Schweigens gedacht, ich müsste jetzt etwas sagen, dass ich ihm nicht mehr böse bin, oder mich wenigstens dafür entschuldigen, dass ich dies oder jenes zu ihm gesagt habe, oder dass ich ihm bedeuten müsste, dass ich ihn vermisse. Aber es war alles da in diesem Blick. Und dass er manchmal verpixelt war, war auch gut so, sonst hätte ich es vielleicht aufdringlich gefunden. Sonst schaut einen ja keiner die ganze Zeit an, wenn man auf den Balkon geht, um die Wäsche abzuhängen und dann einen Brief ins Kuvert steckt und dann eine Zigarette rauchen geht und dann einen Saft aus dem Kühlschrank holen geht und dann ein paar Bücher ins Regal räumt. Er war einfach da, mal mehr, mal weniger verschwommen und er lächelte immerzu.

Das Fragezeichen schweigt. Ich merke, dass sie etwas sagen will, man hört es sogar, wie sie immer wieder ansetzt. Sie seufzt dann so, aöh, majh, ai, aber das, was sie sagen möchte, will sich nicht in einen Satz formen. Ich spüre, obwohl ich es nicht sehe, dass Ausrufezeichen lächelt.

Aber, sagt Fragezeichen schließlich, das ist doch nicht alles? Ich meine, das ist doch nicht der ganze Grund fürs Heiraten? Also, das ist …

… eine große Entscheidung, ja, sagt Ausrufezeichen und ihre spröde Stimme wird wieder etwas lauter. Und ich nehme an, dass es eine so große Entscheidung ist, dass man nie wissen wird, ob es die richtige war. Aber fühlen, denke ich, fühlen kann man das. Und seit wir geschwiegen haben, denke ich, nein, fühle ich, dass es richtig ist.

Ja zu sagen, ergänzt Fragezeichen trocken.

Ja, sagt Ausrufezeichen. Und lacht.

Na dann, sagt Fragezeichen. Ihr Lächeln klingt eher wie ein Husten.

Als ich ihm Berliner Hauptbahnhof aussteige, laufe ich an einer Frau vorbei. Sie ist groß und sieht gut aus, die Farbe ihrer Haare, ihrer Nägel und ihrer Schuhe passen gut zum Rest. Ihr Haar flockt locker über die Schultern. Stell dir vor, sagt sie ins Telefon, Anna und Luis heiraten. Einfach so! Eine Frau in der Ferne dreht sich um. Sie sieht genauso aus, wie ich dachte: ein wenig streng, aber herzlich, nicht alle Elemente passen so gut zusammen wie bei ihrer Freundin, aber sie wirkt lebendig.

Sie lächelt. Ich hebe den Daumen und winke.

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