Pandemie-Tagebuch (2): Panther


Wochen in der Zeitspalte liegt hinter mir. J’en ai marre – ich habe genug!

Meine Wohnung ist aufgeräumt und meine Ablage fast leer. Meine Kinder sind versorgt und senden Alles-OK-Signale. Mein innerer Akku ist aufgeladen, ich habe viele Leute angerufen, bei denen ich mich längst mal wieder melden wollte. Immer öfter höre ich gute Musik statt noch eine weitere Corona-Sendung im Radio. Ich vermisse mein Klavier, mache Karaoke in der Küche und höre Igor Levit auf Twitter, Jonathan Safran Foer auf Spiegel, Andrew Bird auf Facebook. Ich schaue eine geniale Dreigroschenoper-Adaption und fühle mich ergriffen von der Freud-Serie. Das ist bedeutsam zu erwähnen, weil es ein Altes (sic!) Ego gab, in denen ich literarisch schrieb und kulturell fühlte, das ich seit einigen Jahren versuche, wieder auszugraben.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Ruhetaste der Welt bei mir zu einer echten Re-Aktivierung tieferer Energien führt, habe ich tiefes Mitgefühl mit allen Eltern von Kindern unter zehn Jahren. Ich glaube, dass der Traum vom Home Office gerade zum Trauma werden kann.

Das Orchester der Vögel vor meinem Fenster toppt die Lautstärke des Verkehrs längst. Ich sende häufig Liebesbotschaften an meine Freundinnen und Freunde – es ist mir dabei ziemlich egal, ob sie mich pathetisch finden oder nicht:

 

Überhaupt, traue ich mir große Gefühlswellen zu. Und die Systemfrage. Mit ein paar revolutionsorientierten Freunden diskutiere ich den Unter- und Wiederaufgang der Menschheit Post-Corona und finde beim Scrollen durch die Sozialen Netzwerke erstaunlich, wie viele Menschen froh über die Entschleunigung sind. Warum, noch mal, hetzen wir so? In einem der Gespräche sage ich, dass ich mich mental auch für kritischere Szenarien gewappnet sehe, weil ich die Anti-Bräsigkeit und das Alles-auf-den-Kopf-Stellen, das Sezieren am offenen Herzen der Menschheit eine interessante Situation finde – keine Schwammigkeit mehr liegt über den Systemen. Glasklar sehen wir, wohin Raubtierkapitalismus führt (Maskenklau auf Flughäfen) und wie geil so eine soziale Marktwirtschaft ist, in der wir Deutschen leben. Andererseits – eben lebe ich in Deutschland mit seinem super Gesundheitssystem und den etwas hysterischen, aber durchaus patenten Expertenchören. Ich stehe in der warmen Küche meiner gemütlichen Wohnung, habe Klopapier, Nudeln und so weiter. Die Corona-Systemkrise ist bei mir noch relativ weit weg. Noch.

Noch bin ich gesund. Noch ist meine Familie gesund und meine Freund:innen. Noch bin ich beruflich einigermaßen ausgelastet. Noch finde ich im Supermarkt beinahe alles, was ich habe und mein die geringeren Einnahmen kompensiere ich mit Konsumverzicht, passt ja auch zur Vor-Osternzeit.

Aber dann kommt das Wochenende. Immer noch kenne ich niemanden persönlich, der erkrankt ist, und es wundert mich nicht, dass ich mich am Wochenende dabei ertappe, wie ich denke: „OK, könnten wir das Experiment jetzt bitte beenden?“. Ich bin genervt, dass es schon wieder darum geht, welches Land jetzt besser im Bekämpfen des Virus ist, als ob die Coronkrise jetzt die Olympischen Spiele ersetzen müsste.

Eins der Wochenenden sieht so aus:

Samstag:

Kann die Frage, wen ich jetzt noch treffen darf oder nicht, nicht zufriedenstellend beantworten. Beklage mich bei diversen Menschen über den Lauf der Dinge. Will mich neben einen Freund setzen, der in Wannsee aufs Wasser schaut. Laufe schlussendlich durch die leere Innenstadt und telefoniere mit einer guten Freundin. Danach geht’s mir besser.

Singe abends Karaoke in der Küche. Weiß nicht, ob das schon bescheuert ist.

Sonntag:

Wache grantig auf. Regen. Wasche Wäsche. Beneide die Taube, die mit Regentropfen tanzt und eine Freundin, die mir von ihrem Spaziergang mit Hund gegen harten Nordwind schreibt. Erst ab nachmittags, nach dem ersten von zwei Videocalls mit Freunden fühle ich mich besser. Immerhin habe ich endlich die Fitnessgeräte ausgepackt und mein tägliches Treppentraining (6. Stock, immerhin) läuft auch schon schneller.

Ich höre immer öfter von Leuten, die entlassen worden sind oder nicht wissen, wie das bitte weitergehen soll. Meine Gelassenheit beruflicherseits bröckelt, was insofern wichtig ist, dass die Hoffnung ein wichtiger Bestandteil derselben war.

Sowieso Hoffnung.

Unsinnige Regeln von Parkbankregeln bis zum Umgang mit „Quarantäne“-Verweigerern machen mich ziemlich schnell ziemlich wütend – ich frage mich, ob unsere politisches System wirklich so robust ist. Zu der „Tracing“-App habe ich eine zwiegespaltene Meinung und in der Woche vor Ostern finde ich die 5km-Regel in Sachsen nahezu unerträglich. Mir kommt das „Panther“-Gedicht von Rilke in den Sinn.

Genau so fühle ich mich.

Rainer Maria Rilke

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Aus: Neue Gedichte (1907)

 

Pandemie-Tagebuch (1): In der Zeitspalte


Nein, ich bin nicht in Quarantäne. Home Office mache ich seit 3 Monaten durchgängig. Meine Kinder sind groß genug, mein berufliches Leben läuft nahezu normal weiter (bis auf das ausbleibende Neugeschäft). Meine Verwandtschaft und alle Freunde sind (noch) gesund. Es gibt also keinen offensichtlichen Grund für dieses Tagebuch. 

Eng und weit zugleich – meine Zeitspalte

Allerdings empfinde ich diese Zeit als extrem, vielleicht die extremste, die mir in meinem verwöhnten, friedensreichen, wohlstandsverwöhnten Dasein, in dem ich genug Momente zum Jammern, Klagen und mich selbst Bedauern gefunden habe, passiert ist.
Ich komme mir wie in zwei Hälften zerschnitten vor: Funktional, mich und meine Liebsten rettend-schützend, kurz vor der Panik, einerseits. Visionär, träumend, hoffend, entspannt wie selten auf der anderen Seite.

Gleichzeitig aus der Zeit gefallen und in eine Zeit hineingezwungen.

Ich sitze wie in einer Zeitspalte.

Wie ich hinein gekommen bin, weiß ich nicht. Ich bin unversehrt, habe aber wenig Spielraum.

Es ist eng und klamm da unten in der Zeitspalte, und mein Alltag kreist um die Grundverrichtungen des Lebens. Der Bewegungsradius ist stark eingeschränkt und ich hoffe, dass mein Rucksack mit allem Notwendigen ausgerüstet ist, raus komme ich wohl nicht mehr so schnell. Ich weiß, wann Tag und Nacht ist, aber – ehrlich, welcher Wochentag ist, habe ich vergessen. Alles durcheinander, anders, neu.

Über mir jedoch: der Kosmos. In die Weite zu blicken, ist immer ein erhabener Moment, egal, ob vom Berg, aus dem Flugzeug, Schiff oder am Strand. Dieser leichte Grusel, wenn ich den Gedanken zulasse, dass hinter dem Himmel das verdammte Weltall liegt – kaum auszuhalten. Von hier unten, von der bedrohlichen Enge, ist dieser Blick noch beeindruckender. Auch wenn der Himmel weit weg ist und ich nur Ausschnitte sehe – ich ahne die schiere Größe. Und so betrachte ich diesen Himmel, diesen Verweis zum Kosmos, in meiner Spalte sitzend, stundenlang, tagelang.  Ab und zu höre ich einen Hubschrauber kreisen. Vielleicht findet er mich. Wenn ich lange genug nach oben schaue, kann ich den Blick wechseln und von oben auf mich herab schauen, wie ich da sitze, etwas ängstlich und ratlos. Aber auch neugierig.

Extreme Gefühle

So fühle ich mich. Und so habe ich mich, meiner Erinnerung nach, noch nie gefühlt. Ich kenne Niedergeschlagenheit und Hochgefühl, Freude und Trauer, Glück und Unglück und diese minimale Spannbreiten der heiter bis wolkigen Zufriedenheit, nach der wir eine Studie nach alle streben (pffff). Nun aber: Die Enge, die einem ins Herz schlüpft und dann wieder die Weite, die neu zu denken möglich macht. Das gleichzeitig auszuhalten, finde ich extrem. Ich fühle es extrem, ja, selten bin ich, trotz mehr als ausreichender Informationen um mich, ein „wandelndes Gefühl“: bedroht und inspiriert, besorgt und hoffnungsvoll, innerlich und futuristisch.

Diese Furcht-Hoffnungs-Gleichzeitigkeit ist jede Sekunde da:

Während ich um meine Verwandten, Freunde und um uns als abstrakte „Gemeinschaft“ fürchte, während ich den kollektiven Burn-Out des medizinischen Personals (nach der Krise) fürchte und schlichtweg auch das exponentielle Wachstum von Sars-CoV-2, hoffe ich.

Und während ich mehr Nachdenklichkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität spüre und auf eine bessere Welt „nach dem Coronavirus“ hoffe, in der wir wieder wissen, dass Medien informieren, die Politik entscheidet und die Wissenschaft ein unverzichtbarer Bestandteil unseres menschlichen Fortschritts ist, fürchte ich.

Während ich diesen Artikel schreibe und mich vergesse, weil ich es einfach rattenscharf finde, wenn ich einen Artikel schreibe, frage ich mich, was wir eigentlich alle tun, wenn wir jetzt monatelang im Ausnahmezustand festsitzen.

Und während ich mir die Grausamkeit der exponentiellen Kurve vor Augen führe, die mich sehr gern in meiner Zeitspalte sitzen lässt, lausche ich der Ruhe vor meinem Fenster und freue mich, dass ich Vogelzwitschern hören kann – in der Innenstadt.

Tatsächlich empfinde ich die Hoffnung stärker als die Furcht. Tabula Rasa! So, jetzt noch mal von vorne! Haben wir neue Möglichkeiten?

Nach dem Entsetzen kommen die Möglichkeiten

Fast alle Gespräche, die ich führe, enden heiterer als vor der Coronakrise, obwohl es dazu überhaupt keinen Anlass gibt. Ich glaube auch nicht, dass das nur die „Reaktanz“ ist, also die Trotzreaktion auf eine (sehr krasse) ordnungspolitischen Realität. Ich glaube, dass es auch daran liegt, dass die laute, überdrehte und schräge Melodie, in der wir gleichzeitig global und nationalistisch, nachhaltig und hyperkapitalistisch, genderorientiert und chauvinistisch unterwegs waren, eine kaum auszuhaltende Kakophonie war, der wir uns machtlos gegenüber sahen.

Jetzt steht die Welt still. Und nach diesem „Freeze“ (so bezeichnen Krisenforscher den ersten Moment) funktionieren die Getriebe. Anders. Tastend. Langsamer.

Endlich.

Dürfen.

Wir.

Keine.

Ahnung.

Haben.

Alle ab in die Zeitspalte?

In der Wissenschaft ist es vollkommen normal, etwas (noch) nicht zu wissen, weil Informationen fehlen. Es war aber im digitalen Echtzeitalter bis dato absolut öde für die Berichterstattung, wenn einer sagte, dass „zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht abschließend …“. Lieber lief der Reporter zu einem dieser Menschen mit dem markigen Spruch (buttom line: Trump).

Es ist also beinahe revolutionär, wie wir lernen, mit einer Situation der Überforderung und des kollektiven Nichtwissens umzugehen – das hat in der Finanzkrise nicht funktioniert, in der Flüchtlingskrise nicht, selbst in der Klimakrise siegten die schrillen Töne. Aber jetzt: wir lernen auf die hören, die sich BESSER auskennen. Wir lernen, einfach mal zuhören. Und danach tatsächlich was gelernt haben. Es ist nun mal so, dass eine halbe Stunde Podcast mit Prof. Dr. Christian Drosten im NDR fast schon ausreichen, um zu wissen, wo wir gerade stehen. Und was wir (nicht) tun sollen. Das ist fantastisch! Wer mehr wissen möchte, bekommt übersichtlich und klar in allen gängigen Medien datenjournalistische und multimediale Geschichten geliefert, die nicht reißerisch, sondern unterhaltsam-informativ sind. Ich empfehle ausdrücklich auch amerikanische Medien (gerne mache ich eine Leseliste als Kommentar, wenn ihr wollt!).

Aber: Ich bin keine überarbeitete Medizinerin, ich habe 0 Infekte in meinem persönlichen Umfeld, ich habe keine finanziellen Nöte und bin charakterlich gesehen Optimistin. Ich bin mir auch sicher, dass wir die Ausgangssperre bekommen, weil der Fluchtreflex bei den meisten zu groß ist. Vor dem daheim. Und vielleicht dieser extremen Gefühlslage.

Es sollten aus meiner persönlichen Sicht also sehr viel mehr Leute in Zeitspalten gehen (ohne Netflix, wenns geht!). Um die Lage in den Griff zu bekommen – und uns.

Nun habe ich mich in Hoffnungs-Eifer geschrieben und lese, dass in Italien mehr Menschen gestorben sind als in China. Also: Ich bin selbst gespannt, wie ich diesen Eintrag in einigen Wochen empfinde – hellsichtig oder blauäugig.

Jetzt mache ich einen Abendspaziergang. Allein, versprochen. Aber mit Blick nach oben.

Ja, wo lebe ich denn hier?


Die Wahl sitzt mir in den Knochen. Die AfD ist erste politische Kraft in Sachsen, meiner Wahlheimat. Und in zwei Jahren sind Landtagswahlen – die SPD traditionell schlecht, die CDU blutleer. Wo soll das noch hinführen?  

Ich ertappe mich dabei, durchzurechnen, was es kostet zwischen Berlin und Leipzig zu pendeln. Auch Leipzig hat versagt – insgesamt 18,3% wählten braun. Ja, es ist braun, nicht blau, man täusche sich nicht.  

Die Reaktionen meiner hiesigen Freund*innen sind überwiegend: Schock (und Tränen), Umzugspläne oder beißender Zynismus. Für uns Nicht-AfD-Wähler (in Sachsen: 73%) gleicht diese Wahl möglicherweise der Brexit-Wahl für die „Remainer“ in England. Es ist in unserer Lebensrealität nicht vorstellbar, dass Menschen, nur weil nicht alles passt, Volksverhetzer wählen. Es ist nicht vorstellbar, dass man als volljähriger Mensch nicht zu Ende denkt, bevor man ein Kreuz setzt. Es ist nicht vorstellbar, dass ernsthaft jemand sagt, dass alle Flüchtlinge schlecht oder alle alleinerziehenden Mütter Schlampen seien (das nehme ich übrigens auch persönlich) und von denen gewählt wird, die sich ständig gegen Pauschalisierung wehren müssen (alle Ossis und wahrscheinlich bald auch: alle Sachsen). Wir greifen uns an den Kopf und fragen uns, was seit Kant oder wenigstens seit 1945, was seit 1990 oder wenigstens seit Trump 2016 hängen geblieben ist: ist der gesellschaftliche Fortschritt, Demokratie und Aufklärung verpflichtet, schlicht vorbei? 

Ziehen wir die mediale Hysterie einmal ab, finde ich die Analyse fragwürdig, dass wir in gefährlicheren Zeiten leben. Alle Statistiken zeigen, dass es weniger Kriege, Tote und Terroranschläge gibt als früher. Die Wirtschaft wächst, deutlich auch hier im Osten, und im Vergleich zu anderen Ländern sollte wirklich jeder von uns jeden Morgen einmal Danke sagen. Stattdessen: dieses Ergebnis! 

Vielleicht liegt es an einer Unsicherheit auf politischer Seite: wie gehen wir denn jetzt damit um, dass es uns gut geht, aber sich viele schlecht fühlen? Wie gehen wir damit um, dass eigentlich keiner so richtig weiß, wie die ökonomischen, ökologischen und politischen Bedingungen sich entwickeln? Ganz ehrlich: ich weiß keine Antwort. Seit Sonntag umso weniger. Da ist sie sehr deutlich: Das Leben ist hart, aber schön. Stellt euch nicht so an. Wir sind hier nicht im Takka-Tukka-Land. Unschwer zu erkennen, dass ich nichts von irgendeinem Kuschelkurs halte – auch deshalb, weil er meines Erachtens schon seit der Wende versucht worden ist. Manches, was die Leute hier heimlich denken, ist einfach Mist: Ausländer raus? Mist. Früher war alles besser? Mist. Ich habe Angst vor der Zukunft? Dann geh’s an.   

Es gibt reale Probleme, ja. Aber: Ich kenne eigentlich niemanden, der keine hat. Auch Menschen mit Geld haben Sorgen. Da sie anderen, denen es schlechter geht, zum Teil mitversorgen, sollte man den Ball flach halten. Jeder hat, in Anbetracht seines persönlichen Vergleichswertes, Sorgen. Manche sind existenziell. Genau dafür (und sonst für nichts) sind Politiker die richtigen Ansprechpartner. Die Politik ist kein Wegwischautomat für persönliche Versäumnisse. Diese sind aber mindestesns Teil der derzeitigen Misere.  

Es gibt Dinge, die ich in meinen über fünfzehn Jahren in Ostdeutschland nie verstanden habe: die große Sehnsucht, der Staat möge alles regeln. Wollt ihr grau werden, bevor etwas passiert? Es ist Staatsräson, dass der Staat das Notwendige bereit stellt, damit es für alle reicht. Der Staat muss kompliziert sein im Geldausgeben. Den Rest muss man sich schon selbst organisieren Motzen statt handeln, denn es hat noch nie geholfen. Nie. Und es ist kindisch. Außerdem: sich abgehängt fühlen. Ich frage mich: wovon denn, bitteschön? Ich fahre auch kein dickes Auto und auf dem Dorf, in dem ich gelebt habe, gab es keinen Supermarkt. Mein Büro hat erst seit zwei Monaten Internet, das wir schnell nennen können, und das mitten in Leipzig. Wähle ich deshalb Protest? Und, dann: früher war alles besser. Gauland meint damit übrigens, wie er am Sonntag erneut bestätigte, damit eine 40 Jahre alte westdeutsche (!) Republik, vor der Wende, vor der Globalisierung. Ich kenne niemanden, der nicht manchmal seufzt, dass es früher besser war (zumindest ab Mitte Dreißig). Klaro: Es war IMMER besser früher. Damals, als wir noch nicht wussten, welche Chancen wir verpasst haben. 

 

Andererseits: Was kann ein demokratischer, marktwirtschaftlicher Staat? Chancen gerechter verteilen, allerdings eben auch für Leistungsträger, klug haushalten, darauf achten, dass das Gemeinwohl nicht das Wohl Weniger wird. Mit seinem Leben klarkommen muss man allerdings selbst. Ich selbst empfinde das eine großartige Entwicklung. Als Frau. Als Westdeutsche. Deshalb war Bundespräsident Gauck a.D. ein Segen: Sein Thema der Selbstermächtigung brachte es auf den Punkt. Selbstverantwortung für sein Leben übernehmenEr hat die Wunden und Schwächen „seiner“ Landsleute gekannt und ich bin mir recht sicher, dass ein Gauck es besser vermochte hätte, den Selbst-Abgehängten klar zu machen, wohin es führt, wenn sie eine Partei wählen, die für Ausgrenzung und Abwertung steht.  

Das Problem an der AfD ist: keine andere Partei bietet derzeit einen Ort für diejenigen, die den Fortschritt anhalten wollen: all diese Themen von Digitalität bis Diversität wirken von Oberbayern bis Oberlausitz abstrakt oder gar gruselig. Worum geht es hier, fragen sie sich. Was macht das mit meinem Leben? Der Erfolg der AfD in Bayern  

Selbst ich fand den Gag von #felidwgugl ziemlich mau und mag mir nicht vorstellen, wie er in den Niederungen der Provinz angekommen ist. Wer die Wirklichkeit studiert, weiß doch, dass es eine digitale, häufig urbane Elite und eine nicht-so-digitale-, eher rurale Mehrheit gibt, für die diese Buchstabensuppe wahrscheinlich Realsatire war: genau so gut versteht die Merkel uns, ha ha. Falls mans dann entwirrt hat, beantwortete die Kampagne dann noch nicht mal die eigentliche Frage: Ja, lebt es sich denn gut und gerne hier? Die Kopie des Wahlkampfes 2013 hat nicht funktioniert: ein Merkelgesicht und ein markiger Spruch, das reicht wohl nicht.  

Was ich nicht glaube, dass die Ostdeutschen wollen, dass es anderen schlechter geht. Ich glaube auch nicht, dass sie wirklich wollen, dass ein erneuter Braindrain einsetzt, weil Menschen (wie ja vielleicht ich) die Nase voll haben und gehen. 

Ziemlich sicher bin ich mir aber, dass am Sonntag eines abgewählt werden sollte: die Komplexität des heutigen Lebens. Ein Leben, in dem ich selbst regelmäßig Jobchancen suchen, selbst meine Vorsorgeangelegenheiten klären, selbst meine Kinderbetreuung organisieren, selbst entscheiden muss, ob mein Gegenüber Freund oder Feind ist, und – vor allen Dingen – mich im Zweifelsfall selbst begeistern muss, fällt uns allen schwer. Vielleicht war der Sprung größer hier im Osten? Immerhin begegne ich im sächsischen Bildungssystem noch heute Erzieher und Lehrer, die nicht wissen, welche Form des Zusammenlebens sie jetzt eigentlich lehren sollen: die alte, ein solidarisches Gruppen-Ich oder die neue Selbstverantwortung für das einzelne Kind, um auch im individuellen Krisenfall gerüstet zu sein? Als biographischen Irrtums bezeichne ich es noch heute, dass ich derzeit von der schwäbischen Ordnungsliebe in die sächsische flüchtete.  

Wenn wir jetzt, wie Frau Merkel, sprachliche Brücken für die Abgehängten bauen, versprechen, dass wir uns um sie kümmern, wie ängstlich wird dann der gesamte politische Diskurs? Und wie motzig. 

Die Reaktionen am Wahlabend zeigen, wie schwer das wird: Die einen verkünden trotz Wahlverlusten den Wahlsieg, die anderen erklären die Opposition zur gewichtigen Rolle. Ich wünsche mir hier deutlich mehr Selbstkritik – was ist der jeweilige Kern der Politik? Wie setzen wir ihn künftig um? Stattdessen: Personalien und ein empfindlicher Seehofer. Aber, für mich, machen diese beiden Imperfektionen des politischen Betriebs immer noch einen großen Unterschied zu der neuen Normalität, wenn ein 76-Jähriger im Aufbäumen seiner letzten Testosterone die Jagd ausruft – um DAS dann bei Anne Will als normalen politischen Diskurs hindreht, ohne das wirklich Gegenwehr kommt. Für mich ist die AfD ein Haufen voller Lügner. Sie belügen das Establishment und sie belügen (siehe Petry) ihre Wählerschaft.  

Im WeidelGauland-Sprech: ist das fair? Ist es fair, dass die schlechten Straßen im hinteren Zipfel des Erzgebirges (über deren Zustand einige in NRW vielleicht neidisch sind!) darüber bestimmen, wie ich mich heute fühle? Grausam, die Statistiken, die – wie Kabarettist Voker Pispers schon vor Jahren maliziös bemerkte – zeigen, dass dort häufiger rechts gewählt wird, wo weniger Ausländer sind. Der Unterschied zwischen der NDP damals und der AfD heute: die Furcht, dass wir ein neues Establishement bekommen. Ein reaktionäres, anti-emanzipatorisches und rassistisches Establishment, basierend auf einer jahrzehntelang verkündeten Lüge: ohne die gings uns besser.  

Die Raute ist wahrscheinlich nicht die richtige Antwort darauf. Merkel erinnert ich manchmal an einen meiner begabten, aber in Sachen Engagement eher lauwarmen Lehrer, der bei einer Schulaufführung den unvergessenen Satz geäußert hatte: „Wenn es heute Abend schön wird, sind es meine Schüler. Wenn nicht, sind es ihre Kinder.“ Doch, Frau Bundeskanzlerin, das ist  

Der klassische Job von Volksparteien: dafür sorgen, dass diese komplizierte Balance erhalten bleibt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Job in den letzten Jahren eher gut oder eher schlecht gemacht worden ist, weil die Wirklichkeit ziemlich kompliziert geworden zu sein scheint. Eine Kritik am Establishment ist richtig und sie gilt für alle etablierten Parteien, die schon einmal regiert haben: Politik ist der Politik verpflichtet. Und nicht irgendjemandem oder irgendetwas. Und auch wenn Politik von Menschen gemacht wird, sollte es nicht allzu sehr menscheln. Wir sind lange Jahre gut damit gefahren, Parteien statt Personen zu wählen. Dafür ist freilich notwendig, dass die Parteien eine klare Vorstellung von ihrem Zielpublikum haben. 

Ein Tag nach der Bundestagswahl 2017 

Liebe Wahlheimat … ein Wossi macht den Mund auf: #RefugeesWelcome


Refugees welcome - Hnde mit bunten Fingern halten ein Pappschild mit der Aufschrift "Flchtlinge willkommen"Borna b Leipzig“ hieß mein erster Text, den ich nach meiner Ankunft in Leipzig an einem Samstag im Oktober 2000 verfasst habe. Der Text ist verschollen, aber ich erinnere mich noch, dass ich vor dem einzigen Dönerladen stand, dessen Scheibe „natürlich“ kaputt war. Die Herbstsonne schien auf die biergelben Scheiben eines einsamen Gasthauses, das ich zu Hause (im Süden der Republik) vielleicht wohlwollend als „Besenwirtschaft“ bezeichnet hätte. Bei meinem ersten Provinzausflug in den Osten sah ich keine Menschenseele, nicht einmal Gäste in der Gaststätte. Ich sah keine Ausländer, ich sah keine Inländer. Ich sah nur ein Casino und die kaputte Scheibe des Dönerladens. Ich fröstelte und fuhr zurück in die ostdeutsche Stadt.

Der Osten der Jahrtausendwende: Nett, aber ausländerfeindlich

Es waren harte Zeiten damals für eine angehende Politikwissenschaftlerin (von politischen Theorien hingerissen und, wie die meisten Kommilitonen, in dauernder Empörung über die praktische Umsetzung). Ich kam aus Freiburg im Breisgau, der Inbegriff an studentischer Glücksseligkeit, und wollte endlich einmal mein Land in Gänze kennen lernen. Der Süddeutsche neigt ja dazu, sich in seinem Ländle mit Hügele zu vergraben und sein gutbezahltes Jöble zu machen und dann zu sagen, die anderen seien selbst schuld, wenn das Leben schwer sei. Nun. Die Studentenzeit ist vor dem reifen Alter die einzige Phase, sein Klischeedenken mal in den Griff zu bekommen.

Was soll ich sagen: Ostdeutschland machte es mir nicht leicht zur Jahrtausendwende. Leute, die nicht mit mir redeten, als sie hörten, ich sei ein Wessi. Der latente Vorwurf, ich sei arrogant, weil – naja, weil ich mich nicht ganz schlecht fand. Und dann – Rostock und Lichtenhagen, Lichterkette und Dunkeldeutschland eingedenk – dieser seltsame Umgang mit den Ausländern. Es gab kaum welche und wenn, dann wurden sie auch noch so genannt (gerne auch mal „Fidji“). Im Jahr 2000 war es so: der Osten ist nett, aber ausländerfeindlich. Die Entfremdung zwischen beiden Landesteilen war sehr groß. Als ich 2002 nach Paris, einem interkulturellen Schmelztigel, ging, dachte ich nicht, dass ich einmal wiederkäme.

Das Durcheinander als Statement

In der französischen Hauptstadt fand ich, was ich suchte. Denn ich stehe auf das Durcheinander verschiedener Kulturen. Ich stehe auf Reibungen zwischen Menschen. Weil da was passiert. Auch wenn’s nervt, das gehört zum Menschen dazu. Ein dummbaggernder Türke geht mir genauso auf die Nerven wie eine rechthaberische Alte, wie meine Kinder, wenn sie nörgeln, wie meine Freunde mit Laberflash. Ein Leipziger Bekannter aus dem Ruhrpott vertraute mir kürzlich an, dass er seine alte Jungsgang vermisst, in der er der einzige Deutsche war, weil die Witze da besser gewesen seien. Steige ich bei meinen zahlreichen Dienstreisen für Nimirum in Essen, Köln oder Dortmund aus dem Zug, habe ich das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Manchmal komme ich mir unterbelichtet vor, weil ein Mädchen in rasender Geschwindigkeit in ihr Handy deutschtürkt: „biz zaten yapmıyoruz çünkü völlig durchgeknallte öğretmen, bize daha fazla ödev vermez söyledi düşünün, geil oder?“ Glauben Sie mir, Ich als Mutter würde sehr, sehr gerne deutschtürken können! „Das verrückte Çocuk kendini giymiş olduğunu , breakfasted düşünün ve zamanında bu sabah otobüs almak, geil oder?“. Was das heißt, dürfen Sie jetzt selbst mal bei Google Translator schauen.

Leipzig jetzt: avantgardistische It-Town

Statt in den Ruhrpott zog ich 2009 wieder nach Leipzig. Und fand mein Leben. Mir gefällt der egalitäre Zug der Leute hier, der engere Seinsbezug zum Leben. In der Finanzkrise hatte ich sogar das Gefühl, einer Avantgarde anzugehören, in der es jenseits der Konsumzufriedenheit ein größeres Ziel gibt. Mir gefallen auch tausend andere Sachen in Leipzig: Architektur, Kultur, Natur, Szene, modernes Genderbewusstsein, mittlerweile sogar der Slang (wobei man da als Schwabe eh den Mund halten sollte). Allein die Sache mit den Ausländern. Meine neue Strategie war, mir größtmögliche Distanz dazu zu verschaffen: das sei „peinlich“, beträfe aber eigentlich nur noch „die Provinz“. Das ging Jahre lang gut, währenddessen zumindest in den Städten eine dünne Decke Migranten entstand, die nicht sofort verhauen wurde. Mit Genugtuung beobachtete ich, wie sich in der Tram und auch im Freundeskreis die Ränder ausfranzten. Zuerst zwischen West und Ost und, langsam, aber sicher, auch zwischen Deutschland und Ausland. Ich revidierte einige Haltungen und fühlte mich wohler. Ich wurde ein echter Wossi. Ich gründete mit meinem Geschäftspartner Nimirum. Die Unterschiedlichkeit von Kulturen ist die Grundlage unserer Arbeit. Die deutsche Perspektive ist dort nur eine von vielen.

Vielleicht bilde ich mir deshalb ein, dass der Osten offener ist als er in den Mainstream-Medien dargestellt ist. Unsere sächsischen Kunden beschäftigen uns für ihre internationale Kommunikation; wir kennen zahlreiche Länderexperten, die in Leipzig und anderswo leben; meine Journalistenkollegen im DJV erlebe ich als geradlinige und besonnene Zeitgenossen. Von meinem Freundeskreis ganz zu schweigen. Ich begann, stolz zu sein, im Osten der Republik zu wohnen – auch, weil internationale Blätter Leipzig als neue It-Town entdeckten. Irgendwann in den letzten zwei Jahren war ich mir sicher: so wie es in Berlin Anfang der 2000er war, ist es jetzt in Leipzig. Lustig, bunt, immer wo was los.

Das „Pack“ – Das sind nicht wir!

Pegida dann war der erste Fausthieb in meinen Magen, Tröglitz der zweite und Heidenau gab mir beinahe den Rest: täusche ich mich? Wo lebe ich? Haben „die“ denn gar nichts gelernt? Alte Reflexe, zum Osten Deutschlands nicht dazugehören zu wollen, kamen hoch. Die leeren Straßen von Borna bei Leipzig anno 2000, deren Ausdünstungen des verlorenen Lebensgefühls. Bitteres Lachen, als ich vom Begrüßungsplakat für Merkel in Heidenau las: „Wir sind das Pack“. Wie wahr, wie wahr. Ein nihilistischer Wortwitz, der die die politische Reife des Ostens in meinen Augen unverhältnismäßig degradierte. Meines Ostens? Gibt es noch einen anderen? Mir kam die Zögerlichkeit einiger Ostdeutscher in den Sinn, die sich angesichts der Pegida-Diskussion wegducken wollten. Beleidigt schienen, dass man sie im Westen Deutschlands (und sonstwo) jetzt wieder „blöd“ fand. Das machte mich sauer. Ihr seid doch auch dagegen, bitte mal#mundaufmachen! In meiner süddeutschen Herkunftsregion gab und gibt es ganz schön rechte Ecken. Das rechte Getuschel, der Alltagsrassismus, über alle Bildungsgrenzen hinweg, all das gibt es auch im Westen. Heimlicher eben.

Das „die haben es viel besser als wir“ allerdings nicht. Und dieser Tatendrang in allen Bevölkerungsschichten, der die große Mehrheit des Landes nun so irritiert. Und das Ost-Bashing in den Medien ziemlich einfach macht.

DDR = Syrien – Pegidander verstehen das

Vielleicht funktioniert deshalb der, aus meiner Sicht etwas schräge Vergleich der Flüchtlinge aus der DDR und denen aus Syrien. Die Botschaft ist simpel und wahr: Dieses Schicksal kann jeden treffen. Es gibt den Zustand unverschuldeter Hilflosigkeit, bei der Menschlichkeit erstes und oberstes Gebot ist. Egal, für wen. Vielleicht deshalb, vielleicht auch angesichts der Realitäten ist zögerlich in den letzten Tagen ein Umdenken zu bemerken. Ehemalige Flüchtlingsgegner werden zu Befürwortern und helfen, pragmatische Lösungen werden gesucht. Leipzig versucht derzeit mit allen Kräften, das München des Ostens zu werden.

Refugees Welcome! Können wir so verbleiben, liebe Wahlheimat?

Anja Mutschler

Der Text vom 10. September 2015 erschien auf dem Blog von NIMIRUM und in der EditionF. Ihr möchtet ihn auf veröffentlichen? Bitte meldet Euch
bei mir.

 

Regionalia – Geiseltalsee: Wunderbar blau


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Fragen der Größe nähert man sich am besten von oben. Aus der 500-km-Perspektive nur wenige blaue Flecken. Der Bodensee misst sich mit seinen europäischen Kollegen, dem Genfer See oder dem Plattensee. Dieser Wettstreit im Seen-Memory ändert sich die nächsten paar hundert Kilometer nicht, die man mit dem satellitengesteuerten Web-Flugzeug auf Deutschland herunterschwebt. Erst ab 25 Höhenkilometer blinkt es blau auf den Karten von Google oder Microsoft: die Müritzer Seenplatte schiebt sich zuerst ins Bild, dann folgen Chiemsee und Ammersee und der Fleck südlich von Hannover entpuppt sich als Steinhuder Meer. Und da – ein wenig hinuntertrudeln noch, aber eine Ahnung hat man schon, der Geiseltalsee: größer als alle anderen Tagebauseen in der Region, ja sogar der größte künstliche See Deutschlands. Vier Mal größer als der Cospudener See, hat der Geiseltalsee die Goitzsche bei Bitterfeld als größten See der Region abgehängt. Der Große Wannsee von Berlin passt beinahe sieben Mal hinein. Der lag allerdings quasi immer schon im Süden von Berlin. Diese Standorthoheit muss sich der gerade erst zur Nutzung freigegebene Geiseltalsee im Landkreis Merseburg- Querfurt noch erarbeiten. Weiterlesen

Ganz sicher


(c) Michael Mutschler, 2011.

Barszene. (c) Michael Mutschler, 2011.

Es ist ein lauter Abend, denn alle wollen reden. K. sagt zu dem Mann hinter dem Tresen, dass er festgestellt habe, dass es laute und leise Tage gibt, ungeachtet der Anzahl der Gäste. Ob ihm das auch aufgefallen sei? Er stimmt ihm zu, auch ihm käme es vor, als ob sich die Menschen manchmal die Worte sprichwörtlich aus dem Rachen zögen. An anderen krakeelten und schwatzten sie munter und laut, wie eben heute. Ganz so, überlegt der Barkeeper, als ob es kosmischen Schwingungen gäbe, die die Weltenlaune in die eine oder andere Richtung zieht. K. nimmt einen Schluck und sagt, dass er Kolleginnen habe, die sowas ja auf den Mond und so weiter schieben würden.  Manchmal höre er auch Leute, die  – sehr global, ha ha – vom globalen Stimmungsumschwung redeten und davon, wie der jetzt schon bis ins Büro oder die Familie spürbar sei. Und erst die Christen oder Esoteriker oder Anthri, Antopro, –  Anthroposophen, half der andere ihm – genau die, die hätten da sicher auch eine Erklärung. Aber K. meine doch etwas anderes, irgendetwas dazwischen. Aber, ganz sicher, da gibts irgendwas.

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Schweigen II


(c) Michael Mutschler, 1994.

Heiraten, hörte ich eine Frauenstimme fragen. Ihr wollt heiraten? Das Fragezeichen fällt fast hörbar auf den Tisch, der zwischen ihnen steht. Ich sitze im Zug und fahre nach Berlin. Gerade passieren wir einen Stausee, von dem ich mir jedes Mal vornehme, nachzusehen, wie er heißt und warum es ihn dort gibt. Nachdem man eine halbe Stunde an platten Felder vorbeigefahren ist – die man ignorieren muss, möchte man in Berlin noch einigermaßen wohlgemut aus dem Wagon steigen – ist dieser glitzernde, blaue, weite See, der immer in der Sonne zu liegen scheint, eine Irritation. Eine wohltuende Erscheinung, aber so erstaunlich wie ein fröhlicher Vater morgens im Kindergarten. Ja, höre ich die andere sagen, ihre Stimme ist tiefer, angenehm und ich stelle mir vor, dass sie dunkles, schönes Haar hat und einen herbstroten Lippenstift trägt. Wir heiraten!

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