Vorwärtsbewegung ins Nirgendwo / Es gibt nichts Gutes an einem Krieg


im März 2022 entstanden.

Brüder, die sich nun hassen müssen. Ein aufgeklappter Rechner, eine zerknüllte Wolldecke und eine Rakete, wo vor Stunden noch Menschen saßen. Der neue Staub wirft ihre Schatten auf das maschinengewebte Sofa. Hässlich-gelb quillt der Schaumstoff daraus, er ist aus Zynismus gemacht.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Im Klopapierbunker quaken die westlichen Seelen, getroffen vom Schicksal derjenigen, die verrecken. Eine Vorwärtsbewegung ins Nirgendwo, während die anderen entschlossen ihre Taschen packen, um an die neue Front zu eilen.

Fluchthelferin. Söldner. Journalist. Politikerin. Ein Menschenwall gegen den Zerfall der Menschlichkeit. Hunderttausende auf den Straßen, Demokratie wagen und in den Himmel schauen, wo 1.300 km ostwärts Flieger jagen.

Menschenschicksale, frisch gepresst aus den Annalen des American Way of Life, sind auf der Flucht: Grafiker, Programmiererin, Sportler und Influencerin. Beim kollektiven Begreifen auf allen tausend Kanälen springen die Geschichtszahlen durcheinander. Es ist kalt. 1943. Sudetenland. Annexion. Cyberangriffe. NATO. 1938. Es ist kalt. Kiew. Stalingrad. Wir sagen jetzt Kviw. Durcheinandersprechchöre mit Fluchtpunkt Sieg. Für die Demokratie, die jetzt wieder Westen heißt, auch wenn sie im Osten verteidigt worden ist.

Selenskiyj ist jetzt schon ein Märtyrer und Putin hat jetzt schon verloren. Wertemauern werden hochgezogen.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Es herrscht Krieg, weil ein kleiner Mann mit Maskengesicht aus dem Diktatorenautomaten tödlich beleidigt ist vom Geschichtsverlauf. Wir fassen uns an den Kopf und sehen uns um. Unser Sofa ist aus Plüsch oder Leder, Samt oder Teflon, gewebt, geblümt, gestreift, mit Wolle oder ohne. Manche mit Rotweinfleck, zeugen vom besseren Leben. Wir sitzen und glotzen und Mariupol stirbt derweil.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Fliehende ohne Sprache und Blick stranden zu Tausenden und sollen Danke sagen, obwohl sie nie wegwollten. Stille trotz tausender Menschen in der Ankunftshalle. Das neue Schweigen legt sich wie Staub in ukrainische Kehlen. Aus den Ecken quellen listig die Menschenhändler, auch sie hat unser System mit ernährt.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Das Haus mit dem Sofa steht nicht mehr. Der russische Bruder weint beim Schießen.

Vorwärtsbewegung ins Nirgendwo / Es gibt nichts Gutes an einem Krieg

Brüder, die sich nun hassen müssen. Ein aufgeklappter Rechner, eine zerknüllte Wolldecke und eine Rakete, wo vor Stunden noch Menschen saßen. Der neue Staub wirft ihre Schatten auf das maschinengewebte Sofa. Hässlich-gelb quillt der Schaumstoff daraus, er ist aus Zynismus gemacht.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Im Klopapierbunker quaken die westlichen Seelen, getroffen vom Schicksal derjenigen, die verrecken. Eine Vorwärtsbewegung ins Nirgendwo, während die anderen entschlossen ihre Taschen packen, um an die neue Front zu eilen.

Fluchthelferin. Söldner. Journalist. Politikerin. Ein Menschenwall gegen den Zerfall der Menschlichkeit. Hunderttausende auf den Straßen, Demokratie wagen und in den Himmel schauen, wo 1.300 km ostwärts Flieger jagen.

Menschenschicksale, frisch gepresst aus den Annalen des American Way of Life, sind auf der Flucht: Grafiker, Programmiererin, Sportler und Influencerin. Beim kollektiven Begreifen auf allen tausend Kanälen springen die Geschichtszahlen durcheinander. Es ist kalt. 1943. Sudetenland. Annexion. Cyberangriffe. NATO. 1938. Es ist kalt. Kiew. Stalingrad. Wir sagen jetzt Kviw. Durcheinandersprechchöre mit Fluchtpunkt Sieg. Für die Demokratie, die jetzt wieder Westen heißt, auch wenn sie im Osten verteidigt worden ist.

Selenskiyj ist jetzt schon ein Märtyrer und Putin hat jetzt schon verloren. Wertemauern werden hochgezogen.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Es herrscht Krieg, weil ein kleiner Mann mit Maskengesicht aus dem Diktatorenautomaten tödlich beleidigt ist vom Geschichtsverlauf. Wir fassen uns an den Kopf und sehen uns um. Unser Sofa ist aus Plüsch oder Leder, Samt oder Teflon, gewebt, geblümt, gestreift, mit Wolle oder ohne. Manche mit Rotweinfleck, zeugen vom besseren Leben. Wir sitzen und glotzen und Mariupol stirbt derweil.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Fliehende ohne Sprache und Blick stranden zu Tausenden und sollen Danke sagen, obwohl sie nie wegwollten. Stille trotz tausender Menschen in der Ankunftshalle. Das neue Schweigen legt sich wie Staub in ukrainische Kehlen. Aus den Ecken quellen listig die Menschenhändler, auch sie hat unser System mit ernährt.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Das Haus mit dem Sofa steht nicht mehr. Der russische Bruder weint beim Schießen.

Versuche, über den Krieg zu sprechen (1)


13-3-2022 19-20 Uhr – Transkript des ersten Intro-Versuchs, korrigiert und ergänzt

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg. Im Grunde ist dieser Podcast damit schon zu Ende. Denn über alles, über das ich jetzt sprechen werde in der kommenden blauen Stunde, 20blue hour. Über alles, das ich sprechen kann, möchte ich gar nicht sprechen. Der 24. Februar 2022 ist [00:00:30] für viele ein einschneidendes Erlebnis. Eines ohne Vergleich. Aber für dienjenigen, über die wir sprechen, Und die fliehenden, die sterbenden, die traumatisierten Personen, Personen, die fliehen, auch nach Deutschland, die wir in Deutschland willkommen heißen wollen. Zum Glück. DMenschen, die [00:01:00] aber besser gar nicht weggehen wollten sollten: Diesen Personen hilft kein Podcast. Warum habe ich mich trotzdem dafür entschieden? Na ja. Wir sind alle unseren Möglichkeiten unterworfen. Wir sind alle dem Leben [00:01:30] unterworfen. Auch meines geht weiter. Der Podcast ist ein fester Teil davon. Nichts dazu zu sagen – das kann ich nicht. Dieser Krieg legt sich in alle Ritzen meines Denken und Handelns.

Viele Einige sagen jetzt: Es hilft nichts, wenn ich nichts tue, es hilft nichts, wenn ich nicht heize, es hilft nichts, wenn ich nicht fühle, es hilft nichts, wenn ich nicht lache. Ich finde das nicht so einfach. Ich habe Zweifel, Zweifel, über etwas anderes zu sprechen, aber auch Zweifel, über diesen Krieg [00:02:00] in der Ukraine zu sprechen. Begonnen von Wladimir Putin. Einem, wie wir jetzt wissen ganz abscheulichen Menschen. Der außerhalb unserer Werte, außerhalb des Völkerrechts, außerhalb jeden Verständnisses handelt. Und er handelt weiter. [00:02:30] Denn ganz offensichtlich kann er nicht aufhören, weil er nicht aufgeben kann, weil er nicht verlieren kann, weil er nicht einsehen kann. Weil er muss.

Und sein Müssen kostet viele Menschen ihr Leben, ihr Heim, ihre Hoffnung, ihre Zukunft. Ja, ich bin unfassbar wütend. Und zugleich sehr hilflos. Denn jetzt sitze ich hier in meinem [00:03:00] warmen, ich heize wenig, aber doch ein wenig, in meinem warmen, schönen Zimmer zu Hause. Und überlege, mit wem ich, mit wem ich sprechen kann. Ich kenne Menschen, die direkt betroffen sind von diesem Krieg, Menschen, die hier wohnen, aber dort Verwandte haben: Freunde und Freundinnen. Menschen, [00:03:30] die sie lieben. Menschen, um die sie sich jetzt sorgen. Ihre Unruhe, ihre Trauer vermag ich mir gar nicht vorzustellen. Und wenn ich jetzt sage, ich bin froh, dann bin ich natürlich nicht froh. Wie soll ich froh sein?

Aber ich bin erleichtert, dass wir, es ist der 13. März 2022, keine [00:04:00] laute Debatte haben in Deutschland über die Aufnahme von geflüchteten Personen aus der Ukraine. Wenigstens das. Aber es gibt nichts Gutes an einem Krieg. Und so wird alles, über das ich jetzt sprechen kann, über das ich sprechen muss in dieser nächsten Stunde etwas sein, über das ich nicht sprechen möchte. [00:04:30] Ich habe mir vorgenommen, mit Menschen zu sprechen, die mehr wissen als ich. Das mache ich immer, das zeichnet diesen Podcast aus, der im Übrigen ein Jahr wird jetzt (und ihr habt vielleicht am neuen Jingle schon gehört, wir haben, und das ist schon länger beschlossen gewesen, ihm ein ein [00:05:00] kleines Upgrade gegönnt. Und ich bin Peter Lonzek, dem Sprecher und Lukas Dreher, dem Komponisten, außerordentlich dankbar, dass sie einen so wunderschönen musikalisch sprachlichen Rahmen schaffen für diese blaue Stunde.) Ja, ich habe mir vorgenommen, in dieser hour zu sprechen mit Menschen, die [00:05:30] mehr wissen, aber auch mit denen, die, die fühlen die gerade nur fühlen, weil sie betroffen sind. Direkt ins Herz getroffen. Mit Sack und Pack, was wahrscheinlich oft nicht mehr als ein, zwei Koffer sind, fliehen müssen und das betrifft Menschen aus der Ukraine, und das betrifft Russinnen und Russen, Belarussinnen [00:06:00] und Belarussen, die fliehen vor diesen autokratischen, ich möchte beinahe sagen terroristischen Regimes. Und die auch alles zurücklassen müssen, ihre Familie zuvorderst. Ich möchte auch sprechen mit Menschen, die jetzt Medien machen, die für uns dort [00:06:30] sind, die ihr Leben riskieren, um uns wissen zu lassen, was passiert. Und ich möchte schauen, ob ich jemanden finde, der, der Hoffnung gibt. Der oder die mir und uns erklären [00:07:00] kann, worauf wir hoffen können. Und wenn wir keine Hoffnung finden. Dann hoffentlich zumindest, die grösstmögliche die größtmögliche Einigkeit darüber: Dass es nichts Gutes gibt an einem Krieg. Wenigstens [00:07:30] das. Ja, ich wünsche euch. Nun folgt mir oder folgt mir nicht? Nein. Okay.

Verwendung im Podcast: Nein.

Ich und Du im Krieg


Die Phase der Differenzierung hat begonnen.

Ich bin irgendwie froh, weil mir Militärstrategien nichts sagen, denn

es

gibt

nichts Gutes

an einem Krieg.

Diese Art von Krieg auch noch, der tollkühn, hannibalhaft rüberkommen soll und wie eine Persiflage eines Kriegsfilmes umgesetzt wird.

Indes: die Opfer sind echt. Tot. Traumatisiert.

Es sind Ich und Du, die nach einem sonnigen Tag in der klirrend kalten Apokalypse aufwachen, keine Pause, Stop, Nochmal. Kein Film.

Dummheit und Zufall können jetzt alles entscheiden, auch den ultimativen Krieg. Aber wahrscheinlich war das schon immer so. Wenn ich mir die Militärstrategen so ansehe, sind die auf alle Fälle aus einem anderen Film.

Ständig diese Ungleichzeitigkeiten. Diese Art Krieg in Europa? Welche Worte wir jetzt wieder aus einer staubigen Kiste holen, plötzlich wieder mit Bedeutung: Natofall. Bodentruppen. Artellerie. Schreibt man das so? Sind unsere demokratischen Gesellschaften nicht längst in einer ganz anderen Zeit/Sinn/Seinzone angelangt?

Sterben fürs Vaterland. Ey, wieso Vater???

Blutszoll macht auch nicht mehr so richtig Sinn, der alte Spruch: Frauen menstruieren, Männer ziehen in den Krieg, wirft mehr Fragen auf als Antworten.

Dieser ganze Akt, die Vergewaltigung Europas (hey, Zeus) ist so alt, ein widerliches Aufbäumen einer alten Welt, in der der Zynische, der Gewaltvolle, der Absolute Recht bekommt. (Fußnote: Über das Kuschen werden wir sprechen, Deutschlands Gedächtnis und Schmerz bieten keine Lösung. Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut. Die erste Generation, die zivilen Ungehorsam verstanden hat.)

Die „Zivilist:innen“ auf alle Fälle sind Lichtjahre weiter.

„Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“, wird zu: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner weiß, wie das geht.“

(c) Anja Mutschler, 11.3.2022

Bitte lest auch Salomé Balthus Text in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung oder bei ihr auf Facebook: https://www.facebook.com/salome.balthus.1

Coronatrain


(c) Anja Mutschler, 2021

Zugfahren, das war: Beide Hände frei, während man, nicht zu schnell und nicht zu langsam, der neuen Gegenwart entgegengondelt.

Fährt man lange, sieht man das Wetter.

Fährt man sehr lange, sieht man die Jahreszeiten.

„Oh, schau, hier blüht es schon /// noch.“

Man konnte keine Tankstelle verpassen; kein Fahrrad überholt einen von rechts, manchmal gabs sogar was leckeres im Bordrestaurant, und wenn man keine Lust auf eine Verabredung hatte, sagte man: „sorry, Verspätung!“. Glaubte einem jeder. Der Zug war der freundliche Begleiter der Postmoderne,

anything goes, and anywhere.

Man übte sich in zivilisatorischer Toleranz, die Banane links, der Gameboy rechts und natürlich DER SCHNARCHER, das waren die kleinen Reiseaufreger, die man erzählte, während man heiter seine zerknitterte Blusen auf den Bügel hing.

Ich etwa habe mich umgesehen, Gedichte geschrieben und (bisweilen) gearbeitet.

Jetzt haben wir Klimawandel

und

Pandemie.

Man soll Zug fahren wollen, will es aber gar nicht.

Wer in den Zug steigt, tut es nicht gern – selbst das Personal nicht, das einen neuen, ätzenden Zusatzjob bekommen hat: Maskenmahnend und nachweiskontrollierend rennen die Schaffnerinnen und Kontrolleure gestresst durch die immer schon zu engen Wagen,

in Habachtstellung vor dem nächsten agent provocateur

unter den Zug“gästen“.

Obwohl der Coronatrain Abstand verlangt, gibt es nun: Gestopfte Züge.

Der ganze Dampfer auf Schienen ist gestresst.

Die Kinder

schreien es heraus,

die Alten

grummeln es in sich hinein, und wir

in der Mitte des Lebens

drehen hektisch am Pegel der Resilienz

obwohl der längst auf Anschlag ist.

***

Wir rümpfen die Nasen hinter der Maske, weil jemand isst, hustet oder artistische Tricks vollführt, die Maske aufzuhaben, ohne sie aufzuhaben. Kein kluger Gedanke, der nur beim Fahren und Hinausschauen geboren werden kann. Rauflustige empören sich über

das freie Nasenloch des linken Nachbarn

oder halten

ihren Kolben

provokant in den Wind.

In der Enge des Abteils erkennen wir die Abgründe der anderen Seite. Es gibt jetzt immer eine andere Seite.

Corona ist Deutschlands Trump

(sorry Alice W.),

unser Brexit, unser Systembruch.

Wem heute nach neun Stunden Zugfahrt die Maske verrutscht, um die Luftzufuhr zu optimieren, muss aufpassen, dass er nicht plötzlich auf der falschen Seite steht.

Keine Liebe im System, so viel steht fest.

Stattdessen aufgestaute Prügelambitionen von allen Seiten, wehe, du liest die falsche Zeitung.

Oder du liest gar nicht!!!

Bei Spaziergängen, im Auto, auf dem Fahrrad lässt sich das Gegeneinander halbwegs ausblenden.

Beim Fliegen geben die Menschen schon beim Betreten des Flughafens einen Teil ihrer Menschenrechte ab. Zu enger Sitz, abenteuerliche Kost, Luftlöcher – alles ertragen wir, Masken und all das sind nur ein Paragraph mehr auf der Liste der Dos and Dont’s des Flugverkehrs.

Aber im Zug – da herrschte mal fröhliches Laissez-fair. Eine etwas rumpelige Anarchie in einem guten Verhältnis von Last und Lust. Der Kofferraum des Autos kombiniert mit dem Cockpit des Flugzeugs plus Oma Hildes Küchenstuhl (gepolstert).

Nun steigen die Preise

bei

abnehmender

Leistung.

Inflation!!

Und da die Coronakrise unter anderem auch eine

Transportkrise ist, eine

Lieferkettenkrise und eine

Energiekrise,

erhöht nicht nur der Supermarkt und die Deutsche Post, sondern auch die Deutsche Bahn ihre Preise.

Während wir dem Geld beim Zerrinnen zusehen, hängen wir noch in der Spirale steigender Ansprüche fest. Wenn wir schon den Komfort unseres Autos und die Geschwindigkeit des Flugzeugs aufgeben sollen, dann nur für einen

schnieken, stets pünktlichen Zug

(„sogar die Franzosen /// Chinesen schaffen das, von Japan /// Schweiz ganz zu schweigen!“).

Ach.

Im Weniger liegt die Macht. Die Erotik des Verzichts, endlich.

Die Kunst des Überlebens, wir hatten sie uns doch weggefuttert, steht aus dem Sarg der Großeltern auf. Den Weltuntergang im Nacken,

werfen wir uns in Schale:

G

l

i

t

z

er

nd: Hedonismus bis zum Sanktnimmerleinstag. Geschlecht egal, Hauptsache rinn.

In – eiserne – Rüstung: Hektische Seitwärtsbewegungen, in denen wir uns, siehe oben, gegenseitig anzischen oder mit vorwurfsvollen Laseraugen töten, fachfremd Depots einrichten und teure Immobilienwetten abschließen.

Mit Sturrrmhaube: Unter dem Schwachsinn der Parolen der Queren lauert, alt und schön, der gute alte Sozial-Darwinismus, gepreppert bis zum Anschlag.

Ge minus pu minus dert: Währenddessen the richest of the rich mal wieder nichts mitkriegen und sich, im Ernst jetzt?, auf den Mond /// Mars beamen.

Hilfe ist von nirgendwo zu erwarten. Amen.

Was also? Wir müssen selbst. Ran an die Selbstbehaglichkeit.

WAS also?

Wir halten fest:

Nachts, wenn Betrunkene, Spinner, Obdachlose, Abenteurer und prekäre Pendler in Zügen sitzen, ist es die Nacht,

wie sie IST da draußen.

Tags, wenn Pendler, Karrierestarter, Senioren, Familien und genervte Singles in Zügen sitzen, ist es der Tag,

wie er IST da draußen.

DIE Nacht und DER Tag sind, wie sie sind.

Es hat sich nichts verändert in den Zügen. Wir haben uns verändert. Wir sind der Zug. Der Zug sind wir.

Unser Gedächtnis und unsere Gegenwart. Unsere Möglichkeiten und unser Vermächtnis.

Unsere Gegenwehr und unsere Gegenwärtigkeit.

Unsere Schönheit und unser Schicksal.

Unser uns.

Wir.

Lösen uns auf.

Brain train is brain drain is brain train.

Brain train is brain drain is the brain train.

Brain train is brain drain is brain train.

Brain train is brain drain is the brain train.

Brain drain is the brain train is the brain drain.

Brain train is the brain drain is brain train.

The Brain train is the brain drain is the brain train.

Who knows?

***

„Ladies and Gentleman, in a few minutes we’re arriving at the next brain … train station: REALITY. Exit to the left or right. Please make sure you forget everything.“

Pandemie-Tagebuch (1): In der Zeitspalte


Nein, ich bin nicht in Quarantäne. Home Office mache ich seit 3 Monaten durchgängig. Meine Kinder sind groß genug, mein berufliches Leben läuft nahezu normal weiter (bis auf das ausbleibende Neugeschäft). Meine Verwandtschaft und alle Freunde sind (noch) gesund. Es gibt also keinen offensichtlichen Grund für dieses Tagebuch. 

Eng und weit zugleich – meine Zeitspalte

Allerdings empfinde ich diese Zeit als extrem, vielleicht die extremste, die mir in meinem verwöhnten, friedensreichen, wohlstandsverwöhnten Dasein, in dem ich genug Momente zum Jammern, Klagen und mich selbst Bedauern gefunden habe, passiert ist.
Ich komme mir wie in zwei Hälften zerschnitten vor: Funktional, mich und meine Liebsten rettend-schützend, kurz vor der Panik, einerseits. Visionär, träumend, hoffend, entspannt wie selten auf der anderen Seite.

Gleichzeitig aus der Zeit gefallen und in eine Zeit hineingezwungen.

Ich sitze wie in einer Zeitspalte.

Wie ich hinein gekommen bin, weiß ich nicht. Ich bin unversehrt, habe aber wenig Spielraum.

Es ist eng und klamm da unten in der Zeitspalte, und mein Alltag kreist um die Grundverrichtungen des Lebens. Der Bewegungsradius ist stark eingeschränkt und ich hoffe, dass mein Rucksack mit allem Notwendigen ausgerüstet ist, raus komme ich wohl nicht mehr so schnell. Ich weiß, wann Tag und Nacht ist, aber – ehrlich, welcher Wochentag ist, habe ich vergessen. Alles durcheinander, anders, neu.

Über mir jedoch: der Kosmos. In die Weite zu blicken, ist immer ein erhabener Moment, egal, ob vom Berg, aus dem Flugzeug, Schiff oder am Strand. Dieser leichte Grusel, wenn ich den Gedanken zulasse, dass hinter dem Himmel das verdammte Weltall liegt – kaum auszuhalten. Von hier unten, von der bedrohlichen Enge, ist dieser Blick noch beeindruckender. Auch wenn der Himmel weit weg ist und ich nur Ausschnitte sehe – ich ahne die schiere Größe. Und so betrachte ich diesen Himmel, diesen Verweis zum Kosmos, in meiner Spalte sitzend, stundenlang, tagelang.  Ab und zu höre ich einen Hubschrauber kreisen. Vielleicht findet er mich. Wenn ich lange genug nach oben schaue, kann ich den Blick wechseln und von oben auf mich herab schauen, wie ich da sitze, etwas ängstlich und ratlos. Aber auch neugierig.

Extreme Gefühle

So fühle ich mich. Und so habe ich mich, meiner Erinnerung nach, noch nie gefühlt. Ich kenne Niedergeschlagenheit und Hochgefühl, Freude und Trauer, Glück und Unglück und diese minimale Spannbreiten der heiter bis wolkigen Zufriedenheit, nach der wir eine Studie nach alle streben (pffff). Nun aber: Die Enge, die einem ins Herz schlüpft und dann wieder die Weite, die neu zu denken möglich macht. Das gleichzeitig auszuhalten, finde ich extrem. Ich fühle es extrem, ja, selten bin ich, trotz mehr als ausreichender Informationen um mich, ein „wandelndes Gefühl“: bedroht und inspiriert, besorgt und hoffnungsvoll, innerlich und futuristisch.

Diese Furcht-Hoffnungs-Gleichzeitigkeit ist jede Sekunde da:

Während ich um meine Verwandten, Freunde und um uns als abstrakte „Gemeinschaft“ fürchte, während ich den kollektiven Burn-Out des medizinischen Personals (nach der Krise) fürchte und schlichtweg auch das exponentielle Wachstum von Sars-CoV-2, hoffe ich.

Und während ich mehr Nachdenklichkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität spüre und auf eine bessere Welt „nach dem Coronavirus“ hoffe, in der wir wieder wissen, dass Medien informieren, die Politik entscheidet und die Wissenschaft ein unverzichtbarer Bestandteil unseres menschlichen Fortschritts ist, fürchte ich.

Während ich diesen Artikel schreibe und mich vergesse, weil ich es einfach rattenscharf finde, wenn ich einen Artikel schreibe, frage ich mich, was wir eigentlich alle tun, wenn wir jetzt monatelang im Ausnahmezustand festsitzen.

Und während ich mir die Grausamkeit der exponentiellen Kurve vor Augen führe, die mich sehr gern in meiner Zeitspalte sitzen lässt, lausche ich der Ruhe vor meinem Fenster und freue mich, dass ich Vogelzwitschern hören kann – in der Innenstadt.

Tatsächlich empfinde ich die Hoffnung stärker als die Furcht. Tabula Rasa! So, jetzt noch mal von vorne! Haben wir neue Möglichkeiten?

Nach dem Entsetzen kommen die Möglichkeiten

Fast alle Gespräche, die ich führe, enden heiterer als vor der Coronakrise, obwohl es dazu überhaupt keinen Anlass gibt. Ich glaube auch nicht, dass das nur die „Reaktanz“ ist, also die Trotzreaktion auf eine (sehr krasse) ordnungspolitischen Realität. Ich glaube, dass es auch daran liegt, dass die laute, überdrehte und schräge Melodie, in der wir gleichzeitig global und nationalistisch, nachhaltig und hyperkapitalistisch, genderorientiert und chauvinistisch unterwegs waren, eine kaum auszuhaltende Kakophonie war, der wir uns machtlos gegenüber sahen.

Jetzt steht die Welt still. Und nach diesem „Freeze“ (so bezeichnen Krisenforscher den ersten Moment) funktionieren die Getriebe. Anders. Tastend. Langsamer.

Endlich.

Dürfen.

Wir.

Keine.

Ahnung.

Haben.

Alle ab in die Zeitspalte?

In der Wissenschaft ist es vollkommen normal, etwas (noch) nicht zu wissen, weil Informationen fehlen. Es war aber im digitalen Echtzeitalter bis dato absolut öde für die Berichterstattung, wenn einer sagte, dass „zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht abschließend …“. Lieber lief der Reporter zu einem dieser Menschen mit dem markigen Spruch (buttom line: Trump).

Es ist also beinahe revolutionär, wie wir lernen, mit einer Situation der Überforderung und des kollektiven Nichtwissens umzugehen – das hat in der Finanzkrise nicht funktioniert, in der Flüchtlingskrise nicht, selbst in der Klimakrise siegten die schrillen Töne. Aber jetzt: wir lernen auf die hören, die sich BESSER auskennen. Wir lernen, einfach mal zuhören. Und danach tatsächlich was gelernt haben. Es ist nun mal so, dass eine halbe Stunde Podcast mit Prof. Dr. Christian Drosten im NDR fast schon ausreichen, um zu wissen, wo wir gerade stehen. Und was wir (nicht) tun sollen. Das ist fantastisch! Wer mehr wissen möchte, bekommt übersichtlich und klar in allen gängigen Medien datenjournalistische und multimediale Geschichten geliefert, die nicht reißerisch, sondern unterhaltsam-informativ sind. Ich empfehle ausdrücklich auch amerikanische Medien (gerne mache ich eine Leseliste als Kommentar, wenn ihr wollt!).

Aber: Ich bin keine überarbeitete Medizinerin, ich habe 0 Infekte in meinem persönlichen Umfeld, ich habe keine finanziellen Nöte und bin charakterlich gesehen Optimistin. Ich bin mir auch sicher, dass wir die Ausgangssperre bekommen, weil der Fluchtreflex bei den meisten zu groß ist. Vor dem daheim. Und vielleicht dieser extremen Gefühlslage.

Es sollten aus meiner persönlichen Sicht also sehr viel mehr Leute in Zeitspalten gehen (ohne Netflix, wenns geht!). Um die Lage in den Griff zu bekommen – und uns.

Nun habe ich mich in Hoffnungs-Eifer geschrieben und lese, dass in Italien mehr Menschen gestorben sind als in China. Also: Ich bin selbst gespannt, wie ich diesen Eintrag in einigen Wochen empfinde – hellsichtig oder blauäugig.

Jetzt mache ich einen Abendspaziergang. Allein, versprochen. Aber mit Blick nach oben.