Flow


Ganz gegenwärtig bin ich

im Gelächter verschwunden,

seelenschöne Menschen haken sich unter

Augenfeuerwerk, wohin ich auch

wimpere, der Gin läuft

die Wand hoch, Musik bitte,

liegt es am Alkohol oder der

atmenden Sphäre, dass

ich im Wohlgefühl verschwunden bin und

nicht mehr weiß, worüber wir geredet

haben. Du und ich und wir alle kreuzen

im Tümpel der Hoffnung, das

Lachen kommt aus Südost, wir

weben einen Gesprächsteppich,

sinnverstanden,

aber

was du mir eigentlich sagen wolltest – ich

werde dich

morgen

noch einmal fragen.

.

.

.

Gisela.

Insel-Du(de)


Letzter Akt. Fata Morgana nennst du diese letzte Insel. Gerade erst bist du fast untergegangen, denn unter dem Weg zum Gipfel stapelte sich bloß das Meer.

Die Hoffnung des Menschen will nicht aufhören zu schlagen, also gehst du wieder los. Ein Aufziehmännchen auf dem Weg zum Untergang. „Lass dich nicht überraschen!“ „Lass dich überraschen!“ „Geh weg.“ „Bleib hier.“ „Geh doch, wohin der Pfeffer wächst.“ „Bleib bei dir.“ „Wer bist du?“ „Ich kann nicht denken.“ „Fühlst du mich?“ „Hier bin ich.“ „Ich bin nie da gewesen.“ Das Maschinengewehr der Gedanken erschlägt ihresgleichen.

Unversehens ein klarer Moment. Von deiner Fata Morgana aus siehst du Aurora auf dem Wasser schweben.

Sie ruft dich. Sie ruft dich. Du schwimmst ihr entgegen. Kopf über Wasser. Immer geradeaus. Links und rechts kann dich mal. Als du näher kommst, ist sie immer noch da, ein heller, zitternder Körper, der sich dir entgegenknospt. „Hallo Aurora, geile Aura.“ Für schlechte Witze bist du berühmt. Aurora lacht.

Sie lacht! Ein Sonnenstrahl streift deine UnZuversicht. Du vergisst, dass du hier bist, um zu sterben. Du nimmst ihr Kinn und drehst sie zu dir. Sie sieht dich an. Eure Augen explodieren. Ihre Küsse schmecken nach Milch.

Ihr Körper ist ein Gelände der Begehrlichkeiten. Ständig sucht sie deine Nähe. Aurora! Ihr suhlt euch im Dreck der Unsterblichkeit. Zeugt Gedankenkinder und -kindeskinder. Baut Paläste. Dein Hirnquartett versammelt sich zu acht und spielt in Sechzehnteln. Du ertappst Aurora, wie sie in den Noten herumkritzelt und gerätst vollkommen außer Takt.

Irgendwann sagst du derbe Dinge.

Aurora weint weiße Tränen. Ihr versöhnt euch. Körperlustgemenge, Explosionen und Zittern. „Wieso leidet sie?“ „Ich bin der Gejagte!!!“ Aurora zählt heimlich Pillen. Ihr führt Gespräche, die unversehens enden. Aber eure Hände finden sich immer wieder. Aurora seufzt. Ich habe dir nichts versprochen, wehrst du ab. Was willst du, sekundierst du dich selbst. Eines Morgens denkst du, sie verlässt dich und du gehst zuerst. Rote Tränen. Schwarze Tränen.

Du puhlst dir die Träume aus dem Kopf und backst ein Brot daraus.

Immer wieder Auroras Brüste, die direkt in deinen Schoß ragen. Billiger Trick, schimpfst du, dreibeinig humpelnd.

Gott ist tot und straft dich. So kompliziert ist es und nicht anders.

Aurora morst mit ihren Brüsten, dass sie auf dich warte, da, wo die Gegenwart Liebe zwischert. Wütend legst du eine Wolke von Gifs über ihre Milchdrüsen. Ihre traurigen Augen sprühst du zu.

Du baust dir die allerletzte Insel. Als du fertig bist, küsst sie sie. Und ein scheiß Regenbogen schießt zum Himmel.

Bild: pEpA

Vorwärtsbewegung ins Nirgendwo / Es gibt nichts Gutes an einem Krieg


im März 2022 entstanden.

Brüder, die sich nun hassen müssen. Ein aufgeklappter Rechner, eine zerknüllte Wolldecke und eine Rakete, wo vor Stunden noch Menschen saßen. Der neue Staub wirft ihre Schatten auf das maschinengewebte Sofa. Hässlich-gelb quillt der Schaumstoff daraus, er ist aus Zynismus gemacht.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Im Klopapierbunker quaken die westlichen Seelen, getroffen vom Schicksal derjenigen, die verrecken. Eine Vorwärtsbewegung ins Nirgendwo, während die anderen entschlossen ihre Taschen packen, um an die neue Front zu eilen.

Fluchthelferin. Söldner. Journalist. Politikerin. Ein Menschenwall gegen den Zerfall der Menschlichkeit. Hunderttausende auf den Straßen, Demokratie wagen und in den Himmel schauen, wo 1.300 km ostwärts Flieger jagen.

Menschenschicksale, frisch gepresst aus den Annalen des American Way of Life, sind auf der Flucht: Grafiker, Programmiererin, Sportler und Influencerin. Beim kollektiven Begreifen auf allen tausend Kanälen springen die Geschichtszahlen durcheinander. Es ist kalt. 1943. Sudetenland. Annexion. Cyberangriffe. NATO. 1938. Es ist kalt. Kiew. Stalingrad. Wir sagen jetzt Kviw. Durcheinandersprechchöre mit Fluchtpunkt Sieg. Für die Demokratie, die jetzt wieder Westen heißt, auch wenn sie im Osten verteidigt worden ist.

Selenskiyj ist jetzt schon ein Märtyrer und Putin hat jetzt schon verloren. Wertemauern werden hochgezogen.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Es herrscht Krieg, weil ein kleiner Mann mit Maskengesicht aus dem Diktatorenautomaten tödlich beleidigt ist vom Geschichtsverlauf. Wir fassen uns an den Kopf und sehen uns um. Unser Sofa ist aus Plüsch oder Leder, Samt oder Teflon, gewebt, geblümt, gestreift, mit Wolle oder ohne. Manche mit Rotweinfleck, zeugen vom besseren Leben. Wir sitzen und glotzen und Mariupol stirbt derweil.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Fliehende ohne Sprache und Blick stranden zu Tausenden und sollen Danke sagen, obwohl sie nie wegwollten. Stille trotz tausender Menschen in der Ankunftshalle. Das neue Schweigen legt sich wie Staub in ukrainische Kehlen. Aus den Ecken quellen listig die Menschenhändler, auch sie hat unser System mit ernährt.

Es gibt nichts Gutes an einem Krieg.

Das Haus mit dem Sofa steht nicht mehr. Der russische Bruder weint beim Schießen.

Kriegsgesellschaft


Keine Ahnung, aber: Sind wir nicht längst eine Kriegsgesellschaft? Definitionsvorschlag: eine Gesellschaft, deren Handeln auf die Abwehr akuter kriegerischer Handlungen orientiert ist, ist eine Kriegsgesellschaft.

Ich stelle mir vor, wie die Kriegsgesellschaft im Zweiten Weltkrieg aussah. Auch dort herrschte an Ort A so etwas wie Alltag, während in Ort B Bomben fielen. Ich spreche hier nicht von Politik sondern von der seelischen Begleitmusik jeden Tages, an dem wir aufstehen, unsere Arbeiten verrichten und wieder schlafen gehen. Jener Ort B liegt derzeit außerhalb unseres Territoriums, aber die räumliche Nähe, ich habe darüber schon gesprochen (20blue hour #12, Es gibt Nichts Gutes an einem Krieg), die geistige Nähe dieser Menschen, die noch vor ein paar Monaten ein Leben führte, lässt mich und viele, mit denen ich spreche, die Not spüren. Die Ukraine, das sind unsere Nachbarn: wenn es ihnen nicht gut geht, spätestens dann, sind sie nicht mehr irgendwer.

Sind wir eine Kriegsgesellschaft? Vielleicht wäre es leichter, sich das einzugestehen. Es wäre klarer, zu sagen: Normalität war gestern, wir können nicht wissen, was morgen ist. Seid wachsam! Sorgt dafür, dass ihr stark seid, kümmert euch nicht um Nebensächliches, wir brauchen jede und jeden von euch in der besten Verfassung. Haltet euer Geld zusammen. Kümmert euch um euren Spirit. Wer ist nicht beeindruckt vom Mut der Ukrainer:innen, ihrer klaren Kühnheit? Der Gegner steht fest, und auch das Ziel. In grimmiger Entschiedenheit bildet die Kriegsgesellschaft das Schild um die Wehrlosen.

Eine Kriegsgesellschaft zu sein bedeutet das nicht: Die Grausamkeit wird nicht beiseite geschoben, die Wahrheit ist ein frischer Wind? Seid wach und edgy, seid bereit.

Wenn es so ist, dann stirbt in der Kriegsgesellschaft: die Banalität und das Wohlstandsversprechen, die Lässigkeit und Egozentrismus, es stirbt das lineare Denken und die Höflichkeit, es sterben Bankkonten und Rentenpläne, Steuersparmodelle und Familienplanung, es stirbt die Achtsamkeit und Lüge, Pazifismus und Hoffnung. Es stirbt, wer nicht wachsam ist.

Das eine ist, zu gewinnen, das andere ist, die moralisch-geistige Macht zu halten. Man möchte meinen, das ist der schwierigere Part, und viele tausend Tote später wird bekannt sein, was vor dem Krieg schon Tatsachen waren. Eine Kriegsgesellschaft zu sein, bedeutet wohl auch, die Sinnlosigkeit des Krieges anzuerkennen. Der Realismus ist zurück und er fackelt nicht lange: es kommt auf den Tisch, was längst galt, aber verborgen war. Ist die Ost-Ukraine „verloren“? Vielleicht. Dachte Putin, die ganze Ukraine sei sein Russland? Wahrscheinlich.

Eine Kriegsgesellschaft ist auf alle Fälle ein Wir (gegen die). Aber: Wer sind wir? Deutschland – Ost und West, oder Europa? Oder der Westen? Darüber sollten wir sprechen: wer wir sind. Wer wir sein können. Ohne den materiellen Schrott, der uns erlaubt, in Watte zu leben. Die Watte ist gesponnener Zucker, immer zu süß, im Überfluss tödlich. Zuckerwatte steht übrigens nur Kindern gut. Die Infantilisierung des Angestellten ist die schlimmste Wirkkung des Konsumismus. Man denkt, man sei erwachsen, wenn man sagen dürfe, was man wolle, und qua Amt kommen keine Widerworte (in Zeiten des „Fachkräftemangels“ schon gar nicht). Sich selbst moralisch täglich neu zu justieren, steht in keinem Arbeitsvertrag, aber doch im contract social, den wir mit der Geburt unterschrieben haben. Du kommst nichts ins Gefängnis dafür, klar, aber Klarheit in Kriegszeiten rettet dein und unser Leben.

Also: Wacht auf, seht hin, versteckt euch nicht hinter euren Gehaltszetteln, euren Smartphones, in Online-Meetings, auf Messen, beim Rasenmähen (immer schön um das Trampolin herum!), jammernd an der Zapfsäule, im Einkaufsladen, vor der Urlaubsplanung. Vernunft ist kein Emblem, das sich einmal erarbeitet, tragen lässt. Vernunft ist tägliche Arbeit. Und, nein, quer gedacht, ist nicht zu Ende gedacht. Auch Narzissmus rettet keine Leben, am Ende nicht einmal dein eigenes – denn: wer mag schon Narzissten? Im Bunker ist kein Platz frei für sie.

Seid radikal zu euch, um uns zu retten.

Eine Kriegsgesellschaft ist immer radikal, ein Fehler in Gedanke und Tat kann tödlich sein. Living on the edge, auf Messersschneide leben, wurde uns abtrainiert. Quizfrage: Wer darf grimmig und klar aus der Wäsche schauen, ohne dass ihn Freunde oder Kolleginnen „mal zur Seite nehmen“?

Das untrainierte Heer erkennen wir in Kriegszeiten an ihrem unverbindlichen Lächeln.

Ist deshalb alles verloren? Wenn wir uns nicht am Riemen reißen, vielleicht. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg: Mutter Erde rüstet sich schon, bereit uns auszuspeien, zurückzuschicken in ihren Schlund. Fruchtbarer Dünger für den Regenwald, wenigstens das. Wollen wir das? Seid wachsam und edgy!

Die Kriegsgesellschaft gebiert: Nationen, Kinder, Tatkraft, Ehrlichkeit, Frugalismus. Und: den Moment.

Denn wer weiß, was morgen ist?

Coronatrain


(c) Anja Mutschler, 2021

Zugfahren, das war: Beide Hände frei, während man, nicht zu schnell und nicht zu langsam, der neuen Gegenwart entgegengondelt.

Fährt man lange, sieht man das Wetter.

Fährt man sehr lange, sieht man die Jahreszeiten.

„Oh, schau, hier blüht es schon /// noch.“

Man konnte keine Tankstelle verpassen; kein Fahrrad überholt einen von rechts, manchmal gabs sogar was leckeres im Bordrestaurant, und wenn man keine Lust auf eine Verabredung hatte, sagte man: „sorry, Verspätung!“. Glaubte einem jeder. Der Zug war der freundliche Begleiter der Postmoderne,

anything goes, and anywhere.

Man übte sich in zivilisatorischer Toleranz, die Banane links, der Gameboy rechts und natürlich DER SCHNARCHER, das waren die kleinen Reiseaufreger, die man erzählte, während man heiter seine zerknitterte Blusen auf den Bügel hing.

Ich etwa habe mich umgesehen, Gedichte geschrieben und (bisweilen) gearbeitet.

Jetzt haben wir Klimawandel

und

Pandemie.

Man soll Zug fahren wollen, will es aber gar nicht.

Wer in den Zug steigt, tut es nicht gern – selbst das Personal nicht, das einen neuen, ätzenden Zusatzjob bekommen hat: Maskenmahnend und nachweiskontrollierend rennen die Schaffnerinnen und Kontrolleure gestresst durch die immer schon zu engen Wagen,

in Habachtstellung vor dem nächsten agent provocateur

unter den Zug“gästen“.

Obwohl der Coronatrain Abstand verlangt, gibt es nun: Gestopfte Züge.

Der ganze Dampfer auf Schienen ist gestresst.

Die Kinder

schreien es heraus,

die Alten

grummeln es in sich hinein, und wir

in der Mitte des Lebens

drehen hektisch am Pegel der Resilienz

obwohl der längst auf Anschlag ist.

***

Wir rümpfen die Nasen hinter der Maske, weil jemand isst, hustet oder artistische Tricks vollführt, die Maske aufzuhaben, ohne sie aufzuhaben. Kein kluger Gedanke, der nur beim Fahren und Hinausschauen geboren werden kann. Rauflustige empören sich über

das freie Nasenloch des linken Nachbarn

oder halten

ihren Kolben

provokant in den Wind.

In der Enge des Abteils erkennen wir die Abgründe der anderen Seite. Es gibt jetzt immer eine andere Seite.

Corona ist Deutschlands Trump

(sorry Alice W.),

unser Brexit, unser Systembruch.

Wem heute nach neun Stunden Zugfahrt die Maske verrutscht, um die Luftzufuhr zu optimieren, muss aufpassen, dass er nicht plötzlich auf der falschen Seite steht.

Keine Liebe im System, so viel steht fest.

Stattdessen aufgestaute Prügelambitionen von allen Seiten, wehe, du liest die falsche Zeitung.

Oder du liest gar nicht!!!

Bei Spaziergängen, im Auto, auf dem Fahrrad lässt sich das Gegeneinander halbwegs ausblenden.

Beim Fliegen geben die Menschen schon beim Betreten des Flughafens einen Teil ihrer Menschenrechte ab. Zu enger Sitz, abenteuerliche Kost, Luftlöcher – alles ertragen wir, Masken und all das sind nur ein Paragraph mehr auf der Liste der Dos and Dont’s des Flugverkehrs.

Aber im Zug – da herrschte mal fröhliches Laissez-fair. Eine etwas rumpelige Anarchie in einem guten Verhältnis von Last und Lust. Der Kofferraum des Autos kombiniert mit dem Cockpit des Flugzeugs plus Oma Hildes Küchenstuhl (gepolstert).

Nun steigen die Preise

bei

abnehmender

Leistung.

Inflation!!

Und da die Coronakrise unter anderem auch eine

Transportkrise ist, eine

Lieferkettenkrise und eine

Energiekrise,

erhöht nicht nur der Supermarkt und die Deutsche Post, sondern auch die Deutsche Bahn ihre Preise.

Während wir dem Geld beim Zerrinnen zusehen, hängen wir noch in der Spirale steigender Ansprüche fest. Wenn wir schon den Komfort unseres Autos und die Geschwindigkeit des Flugzeugs aufgeben sollen, dann nur für einen

schnieken, stets pünktlichen Zug

(„sogar die Franzosen /// Chinesen schaffen das, von Japan /// Schweiz ganz zu schweigen!“).

Ach.

Im Weniger liegt die Macht. Die Erotik des Verzichts, endlich.

Die Kunst des Überlebens, wir hatten sie uns doch weggefuttert, steht aus dem Sarg der Großeltern auf. Den Weltuntergang im Nacken,

werfen wir uns in Schale:

G

l

i

t

z

er

nd: Hedonismus bis zum Sanktnimmerleinstag. Geschlecht egal, Hauptsache rinn.

In – eiserne – Rüstung: Hektische Seitwärtsbewegungen, in denen wir uns, siehe oben, gegenseitig anzischen oder mit vorwurfsvollen Laseraugen töten, fachfremd Depots einrichten und teure Immobilienwetten abschließen.

Mit Sturrrmhaube: Unter dem Schwachsinn der Parolen der Queren lauert, alt und schön, der gute alte Sozial-Darwinismus, gepreppert bis zum Anschlag.

Ge minus pu minus dert: Währenddessen the richest of the rich mal wieder nichts mitkriegen und sich, im Ernst jetzt?, auf den Mond /// Mars beamen.

Hilfe ist von nirgendwo zu erwarten. Amen.

Was also? Wir müssen selbst. Ran an die Selbstbehaglichkeit.

WAS also?

Wir halten fest:

Nachts, wenn Betrunkene, Spinner, Obdachlose, Abenteurer und prekäre Pendler in Zügen sitzen, ist es die Nacht,

wie sie IST da draußen.

Tags, wenn Pendler, Karrierestarter, Senioren, Familien und genervte Singles in Zügen sitzen, ist es der Tag,

wie er IST da draußen.

DIE Nacht und DER Tag sind, wie sie sind.

Es hat sich nichts verändert in den Zügen. Wir haben uns verändert. Wir sind der Zug. Der Zug sind wir.

Unser Gedächtnis und unsere Gegenwart. Unsere Möglichkeiten und unser Vermächtnis.

Unsere Gegenwehr und unsere Gegenwärtigkeit.

Unsere Schönheit und unser Schicksal.

Unser uns.

Wir.

Lösen uns auf.

Brain train is brain drain is brain train.

Brain train is brain drain is the brain train.

Brain train is brain drain is brain train.

Brain train is brain drain is the brain train.

Brain drain is the brain train is the brain drain.

Brain train is the brain drain is brain train.

The Brain train is the brain drain is the brain train.

Who knows?

***

„Ladies and Gentleman, in a few minutes we’re arriving at the next brain … train station: REALITY. Exit to the left or right. Please make sure you forget everything.“

Pandemie-Tagebuch (5): Statt Athen


Statt Athen

.

Pantheon und die größte Sorge

ist ob wir der Mittagshitze entkommen

das Elend in den Seitenstraßen

und der gehetzte Kellner beschämen uns kurz

wir stehen am Hafen und träumen von Inseln.

.

Es ist Oktober 2019 und ich denke

bald kommt das schöne Jahr und Athen

die Wiege meines Gewissens

sei ein guter Auftakt für

ein Leben wie es sein soll.

.

Das schmerzhafte Lächeln der Griechin

wenn sie an ihre Zeit in Deutschland denkt

Wetter schlecht – Land gut

Ich entschuldige mich für Europa und

verirre mich in Exarchia.

.

Philosophie ist Hauptfach bringt mir

ein Taxifahrer bei während wir

durch Olivenhaine fahren

ich auf dieser vierten Fernreise im Jahr 2019

nach Nizza, Kopenhagen und Lissabon.

.

Nächstes Jahr vielleicht Olympia denke ich

ich und am besten mit dem Zug

über Wien und Dubrovnik die ganz

große Reise wie es sich gehört

für dieses Alter und jene Errungenschaften

denke ich.

.

Oktober 2019 als ich im Ersten Olympiastadion

die Treppen zähle und beinahe die Zeit verliere

träume ich vom nächsten Jahr und wie das Leben

immer besser würde denn wer

in Athen war.

.

(c) Anja Mutschler. 2020

In Gedenken an bessere Zeiten, Oktober 2020 – inmitten der zweiten Welle, mit Rückenschmerzen und richtig schlechter Laune.

Pandemie-Tagebuch (4): Sommerfrühling


Dieser Sommer 2020 ist mein Frühling. Denn ein Jahr ohne Frühling, wie dieses Jahr, ist eigentlich keines. Mein inneres Leben endet im November und beginnt im März.

Das entbiert jeder Logik, weil viele wichtige Menschen – einschließlich meiner Kinder und mir – in dieser Zeit Geburtstag haben. Aber die besten, großen Dinge sind mir immer im März passiert. Und erst, wenn es um 18 Uhr noch hell ist, nenne ich das Ganze „Tag“. Ich bin derart konditioniert auf mein März-Feeling, das ich sogar dazu neige, alles halbwegs Gute im März hochzujazzen. Meine Neigung, allem einen Sinn abzuverlangen, alles zu labeln, gerät dieses Jahr allerdings an seine Grenzen. Ich labele dieses Herumkäfern in den eigenen vier Wänden mit „in die vernünftigen Jahre kommen?!?“, obwohl ich mich lediglich genau so verhalte wie der überwiegende Teil der Menschheit. Im Keine-Ahnung-haben übe ich noch. Auch damit bin ich nicht allein, wie ich in den immer heftiger ausschlagenden Twitter-Eskapaden bemerke. Das Dreschen hat wieder begonnen. Aah.

Häufiger denke ich: Wir verschwinden hinter unseren Masken, sehen monatelang unsere Freunde nicht, reisen höchstens heimlich. Das bietet Möglichkeiten! Als mittelalter Mensch ist die Liste der Versäumnisse und falschen Entscheidungen lang. Meine Hybris (Lebenserhaltungstrieb) ließ mich oft behaupten, alles habe einen Sinn (siehe oben). Aber, ich weiß nicht, ob es das Alter oder 2020 ist, ich gehe mir damit langsam selbst auf die Nerven. Manches ist einfach sch* gelaufen. So!

Als im Juni die Zahlen sinken und wir uns zwar zusammenreißen sollen, aber auch raus dürfen, bekomme ich eine Frühlingssommer-Hektik, weil ich natürlich auch den anrollenden Sommer liebe und jetzt zwei Gefühle auf einmal verwalten muss. Ich feiere also den Anfang des Frühlings und springe fünf Minuten später in den See. Schnell, bevor alles wieder geschlossen wird. Der Abstand ist hier eher förderlich, weil ich gerne nackt bade, aber nicht gerne nacktbade, was aber die meisten an diesem See tun. Mit ausgebreiteten Armen und Beinen breiten sie ihr im besten Sinne pralles Leben vor allen aus, vielleicht schwindet mit dem Scham- auch das Taktgefühl, vielleicht ist das aber auch egal, wozu gibts Köpfhörer, die mir die neueste Pandemiemusik in die Ohren träufelt. Ich mäandere zwischen intellektuellem Geigencountry und smoothem Jazz und schaue der afrikanischen Nilgans-Familie zu, wie sie zwischen den breiten Körpern nach Futter sucht.

Dass ich viel mehr Musik höre als früher, hängt auch mit einer kleinen Herzmutigkeit zusammen. Vielleicht aus Langeweile oder aus Aufregung hat sich über den Lock- genauer Shut-Down eine Bekanntschaft Plus in etwas festeres verwandelt. Oder? Es ist schwer zu sagen, wie alles in diesen Tagen. Bevor sich das sorgsam abgewogene Herzblut wirklich in einen festen, kompakten, rosaroten Eiswürfel verwandelt, bekommt einer von uns – nun, kalte Füße. Ich gewinne den Eindruck, dass es in den 40ern nicht einfacher ist als in den 30ern mit der Liebe. Ekstase und zweite Chance, jugendlicher Leichtsinn und Unsterblichkeit sind passé. Mehrmals bin ich mir uneinig, ob ich das nun gut finde oder nicht. Corona-Sorbet.

Aber ich habe keine Zeit. Ich muss die Zeit nutzen. Zwei Jahreszeiten auf einmal.

Ich fahre mit den Kindern in den Urlaub und poste kaum Fotos, weil ich nicht unvernünftig sein will. Und genieße nichts so sehr wie diese kleine Verwegenheit an den äußersten Zipfel Europas.

Es ist Ende August und ich wäre jetzt bereit für den Sommer.

Pandemie-Tagebuch (3): After Show


Die Gesellschaft leidet. Ich lese es. Ich höre es. Ich sehe es. Es gibt kein „Zurück“ mehr. Die Krise ist gekommen, um zu bleiben. Möglicherweise so lange, bis wir als (Welt-)Gesellschaft endlich etwas verstanden haben. So lange geht es aber erst einmal jedem einzelnen an den Kragen – zu wenig Außen, zu viel Innen – eine teuflische Mischung um verdrängte Lebensthemen auf den Tisch zu hieven. Ob allein oder gemeinsam: spätestens jetzt lernen wir sie kennen, unsere „After Show“-Personality. Das kann grausam sein. Oder höchst erfrischend.

Ich bin nicht überrascht, welche Themen bei mir auf dem Teller liegen. Grimmig bin ich, nicht entsetzt. Und erleichtert, weil ich hoffe, zumindest ein Denkprojekt endlich abzuschließen in der neuen Freiheit, manchertags grumpy sein zu dürfen.

Ich bin 41 Jahre alt und damit in einem Alter, in dem viele mindestens eine Seelenkrise durchlitten haben. Ich meine damit keine Verstimmung oder Enttäuschung, ich spreche nicht von banalem Liebeskummer, von sozial oder beruflich bedingter Genervtheit. Ich spreche von einer echten Krise – einer von äußeren Umständen oder innerem Erleben ausgelösten Stillstand, der so lange andauert, bis man sich traut, den Rucksack mit geliebten Dingen stehen zu lassen und durch diese andere Tür zu gehen. Nicht selten liegt einer Seelenkrise der Verlust eines geliebten Menschen und die Unfähigkeit, danach „einfach so“ weiterzumachen, zugrunde. Der Schmerz und die Trauer vermischen sich mit einem Unvermögen, die Fragen, die diese Situation aufwirft, zu beantworten. Meist stellt der Verlust alte Verluste in ein neues Licht. Der letzte, nicht erträgliche Verlust. Von Hoffnung. Oder Illusion. Die alten Rezepte – weitermachen, wegsehen, übertönen, weglachen – werden nutzlos. Ein akutes oder chronisches Energiedefizit führt zum eigentlichen Meltdown: ein übermächtiger Schock oder die schleichende Entkräftung in einem Alltag, in dem man ständig gegen die gleichen Türen rennt.

Mit solcher Krisenerfahrung ist die Coronakrise recht erträglich – der Stillstand der Welt, zumal die Sanftheit der ersten Wochen, empfand ich eher befreiend. Meine Dämonen kenne ich ganz gut, zumindest ist auch jetzt kein neuer hinzugekommen. Aber in der Hochphase der Kontaktbeschränkungen gab es einige Tage, an denen Platzangst, Wut auf dies und das und das innere Kind gleichzeitig auf meinem Sofa räkelten, und ich dachte so: Näh, kommt. Kneipenabend zur Ablenkung fiel ja flach. Ein Überbleibsel der Pandemie ist möglicherweise, dass ich nun jeden Tag 1-2 Runden spazieren gehe. Wer braucht schon einen Hund zum Gassigehen.

Sprich: Ich kenne mein After-Show … -Gesicht, -Gemüt, -Gedenke aus anderen Krisen schon ganz gut. Die einzige wirklich Neuerung ist, dass ich manchmal im Halbschlaf denke, ich bekäme keine Luft mehr. Obwohl ich normal weiteratme. Schlaf, ach. Anderes Thema.

Im Vergleich zu anderen „Ungerechtigkeiten“, die das Leben mir angeboten hat, habe ich mich aber recht gut damit abgefunden, dass die Coronakrise keine Gerechtigkeit kennt. Es kann. Immer. Und jeden. Und was morgen. Weiß keiner.

Damit lässt sich schlecht planen. Mein Verdacht ist, dass unsere ganze Gesellschaft „After Show“ leben wird, weil wir feststellen, dass wir zu viele Dinge just for show getan, gekauft, geredet haben. In einem früheren Leben, als ich noch sehr oft in die Kneipe ging, in einem der unzähligen Gespräch entspann sich eine Diskussion , die ich damals (vor vielen Jahren, also etwa 5) interessant und deprimierend gleichermaßen fand, und in der mein Gegenüber – dessen stoische Lebenshaltung legendär zu  nennen ist – zu all meinen Weltrettungsmaßnahmen nur einen Satz sagte: „Wenn wir nicht lernen, mit weniger zu leben, wird es nichts.“ Es war auch so ein Satz, der nach dem Spaß kommt, After Show.

Geht es denen besser, die zurzeit nicht „über den Verhältnissen“ leben?  ging es an den Kragen. Denen, die ihr Unwohlsein über Job und Liebe zu lange unterdrückt hatten, ebenso. Viele Familien sind zusammengewachsen, weil du halt merkst: Ok, der regt sich immer über das gleiche auf. ist dann aber auch wieder vorbei. Andere stellen fest, dass sie so viel Familie eigentlich nicht wollten, als sie sich damals im vollen (Un-)Vermögen aufeinander stürzten.  Möglicherweise der Schock, auf den wir alle gewartet haben in einer Welt, die mit der globalen, der Klima- und der politischen Krise seit etwa 2015 in einer Dauererregungserwartung – verharrt war. Unsere Erfahrung der letzten Jahre war möglicherweise, dass wir uns viel angeschrien und aufeinander herumgehackt haben – und schlechte Ereignisse etwas wurden, worüber wir uns seltsam freuten, weil sie „bestätigten“, was wir wussten. Ansonsten gab es viel Zorn und Depression, aber noch viel mehr: Machtlosigkeit und Abwarten. Die Pandemie, die uns verfolgt, ist also vielleicht aus vielen Gründen ein Schockmoment, nicht nur aufgrund der Erkenntnis, dass Pandemiepläne das eine, Pandemiepraxis das andere ist. Das kollektive „Upside-Down“ erst hatte die Macht, zu den Grundfesten unserer vielen, ungelösten Fragen vorzudringen: Wie kann es weitergehen? Müssen wir uns wirklich zwischen einem sozialdarwinistischen Kapitalismus und einem illiberalen Autoritarismus entscheiden? Wie kann die Menschheit jetzt noch den Hebel umlegen?

Der Schock ist da und auch die Hartleibigsten unter uns konnten nicht ignorieren, dass ihr Alltag massiv eingeschränkt, die persönliche Gesundheit einer potentiell tödlichen Gefahr und ihre Zukunftsaussichten düsterer würden.

Der Flüchter wimmert: Aus der Arbeitsroutine in eine fast mittelalterliche Situation des „Aufeinanderhockens“ katapultiert.

Was bleibt? Musik! Musik geht immer.

Pandemie-Tagebuch (2): Panther


Wochen in der Zeitspalte liegt hinter mir. J’en ai marre – ich habe genug!

Meine Wohnung ist aufgeräumt und meine Ablage fast leer. Meine Kinder sind versorgt und senden Alles-OK-Signale. Mein innerer Akku ist aufgeladen, ich habe viele Leute angerufen, bei denen ich mich längst mal wieder melden wollte. Immer öfter höre ich gute Musik statt noch eine weitere Corona-Sendung im Radio. Ich vermisse mein Klavier, mache Karaoke in der Küche und höre Igor Levit auf Twitter, Jonathan Safran Foer auf Spiegel, Andrew Bird auf Facebook. Ich schaue eine geniale Dreigroschenoper-Adaption und fühle mich ergriffen von der Freud-Serie. Das ist bedeutsam zu erwähnen, weil es ein Altes (sic!) Ego gab, in denen ich literarisch schrieb und kulturell fühlte, das ich seit einigen Jahren versuche, wieder auszugraben.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Ruhetaste der Welt bei mir zu einer echten Re-Aktivierung tieferer Energien führt, habe ich tiefes Mitgefühl mit allen Eltern von Kindern unter zehn Jahren. Ich glaube, dass der Traum vom Home Office gerade zum Trauma werden kann.

Das Orchester der Vögel vor meinem Fenster toppt die Lautstärke des Verkehrs längst. Ich sende häufig Liebesbotschaften an meine Freundinnen und Freunde – es ist mir dabei ziemlich egal, ob sie mich pathetisch finden oder nicht:

 

Überhaupt, traue ich mir große Gefühlswellen zu. Und die Systemfrage. Mit ein paar revolutionsorientierten Freunden diskutiere ich den Unter- und Wiederaufgang der Menschheit Post-Corona und finde beim Scrollen durch die Sozialen Netzwerke erstaunlich, wie viele Menschen froh über die Entschleunigung sind. Warum, noch mal, hetzen wir so? In einem der Gespräche sage ich, dass ich mich mental auch für kritischere Szenarien gewappnet sehe, weil ich die Anti-Bräsigkeit und das Alles-auf-den-Kopf-Stellen, das Sezieren am offenen Herzen der Menschheit eine interessante Situation finde – keine Schwammigkeit mehr liegt über den Systemen. Glasklar sehen wir, wohin Raubtierkapitalismus führt (Maskenklau auf Flughäfen) und wie geil so eine soziale Marktwirtschaft ist, in der wir Deutschen leben. Andererseits – eben lebe ich in Deutschland mit seinem super Gesundheitssystem und den etwas hysterischen, aber durchaus patenten Expertenchören. Ich stehe in der warmen Küche meiner gemütlichen Wohnung, habe Klopapier, Nudeln und so weiter. Die Corona-Systemkrise ist bei mir noch relativ weit weg. Noch.

Noch bin ich gesund. Noch ist meine Familie gesund und meine Freund:innen. Noch bin ich beruflich einigermaßen ausgelastet. Noch finde ich im Supermarkt beinahe alles, was ich habe und mein die geringeren Einnahmen kompensiere ich mit Konsumverzicht, passt ja auch zur Vor-Osternzeit.

Aber dann kommt das Wochenende. Immer noch kenne ich niemanden persönlich, der erkrankt ist, und es wundert mich nicht, dass ich mich am Wochenende dabei ertappe, wie ich denke: „OK, könnten wir das Experiment jetzt bitte beenden?“. Ich bin genervt, dass es schon wieder darum geht, welches Land jetzt besser im Bekämpfen des Virus ist, als ob die Coronkrise jetzt die Olympischen Spiele ersetzen müsste.

Eins der Wochenenden sieht so aus:

Samstag:

Kann die Frage, wen ich jetzt noch treffen darf oder nicht, nicht zufriedenstellend beantworten. Beklage mich bei diversen Menschen über den Lauf der Dinge. Will mich neben einen Freund setzen, der in Wannsee aufs Wasser schaut. Laufe schlussendlich durch die leere Innenstadt und telefoniere mit einer guten Freundin. Danach geht’s mir besser.

Singe abends Karaoke in der Küche. Weiß nicht, ob das schon bescheuert ist.

Sonntag:

Wache grantig auf. Regen. Wasche Wäsche. Beneide die Taube, die mit Regentropfen tanzt und eine Freundin, die mir von ihrem Spaziergang mit Hund gegen harten Nordwind schreibt. Erst ab nachmittags, nach dem ersten von zwei Videocalls mit Freunden fühle ich mich besser. Immerhin habe ich endlich die Fitnessgeräte ausgepackt und mein tägliches Treppentraining (6. Stock, immerhin) läuft auch schon schneller.

Ich höre immer öfter von Leuten, die entlassen worden sind oder nicht wissen, wie das bitte weitergehen soll. Meine Gelassenheit beruflicherseits bröckelt, was insofern wichtig ist, dass die Hoffnung ein wichtiger Bestandteil derselben war.

Sowieso Hoffnung.

Unsinnige Regeln von Parkbankregeln bis zum Umgang mit „Quarantäne“-Verweigerern machen mich ziemlich schnell ziemlich wütend – ich frage mich, ob unsere politisches System wirklich so robust ist. Zu der „Tracing“-App habe ich eine zwiegespaltene Meinung und in der Woche vor Ostern finde ich die 5km-Regel in Sachsen nahezu unerträglich. Mir kommt das „Panther“-Gedicht von Rilke in den Sinn.

Genau so fühle ich mich.

Rainer Maria Rilke

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Aus: Neue Gedichte (1907)