Pandemie-Tagebuch (2): Panther


Wochen in der Zeitspalte liegt hinter mir. J’en ai marre – ich habe genug!

Meine Wohnung ist aufgeräumt und meine Ablage fast leer. Meine Kinder sind versorgt und senden Alles-OK-Signale. Mein innerer Akku ist aufgeladen, ich habe viele Leute angerufen, bei denen ich mich längst mal wieder melden wollte. Immer öfter höre ich gute Musik statt noch eine weitere Corona-Sendung im Radio. Ich vermisse mein Klavier, mache Karaoke in der Küche und höre Igor Levit auf Twitter, Jonathan Safran Foer auf Spiegel, Andrew Bird auf Facebook. Ich schaue eine geniale Dreigroschenoper-Adaption und fühle mich ergriffen von der Freud-Serie. Das ist bedeutsam zu erwähnen, weil es ein Altes (sic!) Ego gab, in denen ich literarisch schrieb und kulturell fühlte, das ich seit einigen Jahren versuche, wieder auszugraben.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Ruhetaste der Welt bei mir zu einer echten Re-Aktivierung tieferer Energien führt, habe ich tiefes Mitgefühl mit allen Eltern von Kindern unter zehn Jahren. Ich glaube, dass der Traum vom Home Office gerade zum Trauma werden kann.

Das Orchester der Vögel vor meinem Fenster toppt die Lautstärke des Verkehrs längst. Ich sende häufig Liebesbotschaften an meine Freundinnen und Freunde – es ist mir dabei ziemlich egal, ob sie mich pathetisch finden oder nicht:

 

Überhaupt, traue ich mir große Gefühlswellen zu. Und die Systemfrage. Mit ein paar revolutionsorientierten Freunden diskutiere ich den Unter- und Wiederaufgang der Menschheit Post-Corona und finde beim Scrollen durch die Sozialen Netzwerke erstaunlich, wie viele Menschen froh über die Entschleunigung sind. Warum, noch mal, hetzen wir so? In einem der Gespräche sage ich, dass ich mich mental auch für kritischere Szenarien gewappnet sehe, weil ich die Anti-Bräsigkeit und das Alles-auf-den-Kopf-Stellen, das Sezieren am offenen Herzen der Menschheit eine interessante Situation finde – keine Schwammigkeit mehr liegt über den Systemen. Glasklar sehen wir, wohin Raubtierkapitalismus führt (Maskenklau auf Flughäfen) und wie geil so eine soziale Marktwirtschaft ist, in der wir Deutschen leben. Andererseits – eben lebe ich in Deutschland mit seinem super Gesundheitssystem und den etwas hysterischen, aber durchaus patenten Expertenchören. Ich stehe in der warmen Küche meiner gemütlichen Wohnung, habe Klopapier, Nudeln und so weiter. Die Corona-Systemkrise ist bei mir noch relativ weit weg. Noch.

Noch bin ich gesund. Noch ist meine Familie gesund und meine Freund:innen. Noch bin ich beruflich einigermaßen ausgelastet. Noch finde ich im Supermarkt beinahe alles, was ich habe und mein die geringeren Einnahmen kompensiere ich mit Konsumverzicht, passt ja auch zur Vor-Osternzeit.

Aber dann kommt das Wochenende. Immer noch kenne ich niemanden persönlich, der erkrankt ist, und es wundert mich nicht, dass ich mich am Wochenende dabei ertappe, wie ich denke: „OK, könnten wir das Experiment jetzt bitte beenden?“. Ich bin genervt, dass es schon wieder darum geht, welches Land jetzt besser im Bekämpfen des Virus ist, als ob die Coronkrise jetzt die Olympischen Spiele ersetzen müsste.

Eins der Wochenenden sieht so aus:

Samstag:

Kann die Frage, wen ich jetzt noch treffen darf oder nicht, nicht zufriedenstellend beantworten. Beklage mich bei diversen Menschen über den Lauf der Dinge. Will mich neben einen Freund setzen, der in Wannsee aufs Wasser schaut. Laufe schlussendlich durch die leere Innenstadt und telefoniere mit einer guten Freundin. Danach geht’s mir besser.

Singe abends Karaoke in der Küche. Weiß nicht, ob das schon bescheuert ist.

Sonntag:

Wache grantig auf. Regen. Wasche Wäsche. Beneide die Taube, die mit Regentropfen tanzt und eine Freundin, die mir von ihrem Spaziergang mit Hund gegen harten Nordwind schreibt. Erst ab nachmittags, nach dem ersten von zwei Videocalls mit Freunden fühle ich mich besser. Immerhin habe ich endlich die Fitnessgeräte ausgepackt und mein tägliches Treppentraining (6. Stock, immerhin) läuft auch schon schneller.

Ich höre immer öfter von Leuten, die entlassen worden sind oder nicht wissen, wie das bitte weitergehen soll. Meine Gelassenheit beruflicherseits bröckelt, was insofern wichtig ist, dass die Hoffnung ein wichtiger Bestandteil derselben war.

Sowieso Hoffnung.

Unsinnige Regeln von Parkbankregeln bis zum Umgang mit „Quarantäne“-Verweigerern machen mich ziemlich schnell ziemlich wütend – ich frage mich, ob unsere politisches System wirklich so robust ist. Zu der „Tracing“-App habe ich eine zwiegespaltene Meinung und in der Woche vor Ostern finde ich die 5km-Regel in Sachsen nahezu unerträglich. Mir kommt das „Panther“-Gedicht von Rilke in den Sinn.

Genau so fühle ich mich.

Rainer Maria Rilke

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Aus: Neue Gedichte (1907)

 

Ja, wo lebe ich denn hier?


Die Wahl sitzt mir in den Knochen. Die AfD ist erste politische Kraft in Sachsen, meiner Wahlheimat. Und in zwei Jahren sind Landtagswahlen – die SPD traditionell schlecht, die CDU blutleer. Wo soll das noch hinführen?  

Ich ertappe mich dabei, durchzurechnen, was es kostet zwischen Berlin und Leipzig zu pendeln. Auch Leipzig hat versagt – insgesamt 18,3% wählten braun. Ja, es ist braun, nicht blau, man täusche sich nicht.  

Die Reaktionen meiner hiesigen Freund*innen sind überwiegend: Schock (und Tränen), Umzugspläne oder beißender Zynismus. Für uns Nicht-AfD-Wähler (in Sachsen: 73%) gleicht diese Wahl möglicherweise der Brexit-Wahl für die „Remainer“ in England. Es ist in unserer Lebensrealität nicht vorstellbar, dass Menschen, nur weil nicht alles passt, Volksverhetzer wählen. Es ist nicht vorstellbar, dass man als volljähriger Mensch nicht zu Ende denkt, bevor man ein Kreuz setzt. Es ist nicht vorstellbar, dass ernsthaft jemand sagt, dass alle Flüchtlinge schlecht oder alle alleinerziehenden Mütter Schlampen seien (das nehme ich übrigens auch persönlich) und von denen gewählt wird, die sich ständig gegen Pauschalisierung wehren müssen (alle Ossis und wahrscheinlich bald auch: alle Sachsen). Wir greifen uns an den Kopf und fragen uns, was seit Kant oder wenigstens seit 1945, was seit 1990 oder wenigstens seit Trump 2016 hängen geblieben ist: ist der gesellschaftliche Fortschritt, Demokratie und Aufklärung verpflichtet, schlicht vorbei? 

Ziehen wir die mediale Hysterie einmal ab, finde ich die Analyse fragwürdig, dass wir in gefährlicheren Zeiten leben. Alle Statistiken zeigen, dass es weniger Kriege, Tote und Terroranschläge gibt als früher. Die Wirtschaft wächst, deutlich auch hier im Osten, und im Vergleich zu anderen Ländern sollte wirklich jeder von uns jeden Morgen einmal Danke sagen. Stattdessen: dieses Ergebnis! 

Vielleicht liegt es an einer Unsicherheit auf politischer Seite: wie gehen wir denn jetzt damit um, dass es uns gut geht, aber sich viele schlecht fühlen? Wie gehen wir damit um, dass eigentlich keiner so richtig weiß, wie die ökonomischen, ökologischen und politischen Bedingungen sich entwickeln? Ganz ehrlich: ich weiß keine Antwort. Seit Sonntag umso weniger. Da ist sie sehr deutlich: Das Leben ist hart, aber schön. Stellt euch nicht so an. Wir sind hier nicht im Takka-Tukka-Land. Unschwer zu erkennen, dass ich nichts von irgendeinem Kuschelkurs halte – auch deshalb, weil er meines Erachtens schon seit der Wende versucht worden ist. Manches, was die Leute hier heimlich denken, ist einfach Mist: Ausländer raus? Mist. Früher war alles besser? Mist. Ich habe Angst vor der Zukunft? Dann geh’s an.   

Es gibt reale Probleme, ja. Aber: Ich kenne eigentlich niemanden, der keine hat. Auch Menschen mit Geld haben Sorgen. Da sie anderen, denen es schlechter geht, zum Teil mitversorgen, sollte man den Ball flach halten. Jeder hat, in Anbetracht seines persönlichen Vergleichswertes, Sorgen. Manche sind existenziell. Genau dafür (und sonst für nichts) sind Politiker die richtigen Ansprechpartner. Die Politik ist kein Wegwischautomat für persönliche Versäumnisse. Diese sind aber mindestesns Teil der derzeitigen Misere.  

Es gibt Dinge, die ich in meinen über fünfzehn Jahren in Ostdeutschland nie verstanden habe: die große Sehnsucht, der Staat möge alles regeln. Wollt ihr grau werden, bevor etwas passiert? Es ist Staatsräson, dass der Staat das Notwendige bereit stellt, damit es für alle reicht. Der Staat muss kompliziert sein im Geldausgeben. Den Rest muss man sich schon selbst organisieren Motzen statt handeln, denn es hat noch nie geholfen. Nie. Und es ist kindisch. Außerdem: sich abgehängt fühlen. Ich frage mich: wovon denn, bitteschön? Ich fahre auch kein dickes Auto und auf dem Dorf, in dem ich gelebt habe, gab es keinen Supermarkt. Mein Büro hat erst seit zwei Monaten Internet, das wir schnell nennen können, und das mitten in Leipzig. Wähle ich deshalb Protest? Und, dann: früher war alles besser. Gauland meint damit übrigens, wie er am Sonntag erneut bestätigte, damit eine 40 Jahre alte westdeutsche (!) Republik, vor der Wende, vor der Globalisierung. Ich kenne niemanden, der nicht manchmal seufzt, dass es früher besser war (zumindest ab Mitte Dreißig). Klaro: Es war IMMER besser früher. Damals, als wir noch nicht wussten, welche Chancen wir verpasst haben. 

 

Andererseits: Was kann ein demokratischer, marktwirtschaftlicher Staat? Chancen gerechter verteilen, allerdings eben auch für Leistungsträger, klug haushalten, darauf achten, dass das Gemeinwohl nicht das Wohl Weniger wird. Mit seinem Leben klarkommen muss man allerdings selbst. Ich selbst empfinde das eine großartige Entwicklung. Als Frau. Als Westdeutsche. Deshalb war Bundespräsident Gauck a.D. ein Segen: Sein Thema der Selbstermächtigung brachte es auf den Punkt. Selbstverantwortung für sein Leben übernehmenEr hat die Wunden und Schwächen „seiner“ Landsleute gekannt und ich bin mir recht sicher, dass ein Gauck es besser vermochte hätte, den Selbst-Abgehängten klar zu machen, wohin es führt, wenn sie eine Partei wählen, die für Ausgrenzung und Abwertung steht.  

Das Problem an der AfD ist: keine andere Partei bietet derzeit einen Ort für diejenigen, die den Fortschritt anhalten wollen: all diese Themen von Digitalität bis Diversität wirken von Oberbayern bis Oberlausitz abstrakt oder gar gruselig. Worum geht es hier, fragen sie sich. Was macht das mit meinem Leben? Der Erfolg der AfD in Bayern  

Selbst ich fand den Gag von #felidwgugl ziemlich mau und mag mir nicht vorstellen, wie er in den Niederungen der Provinz angekommen ist. Wer die Wirklichkeit studiert, weiß doch, dass es eine digitale, häufig urbane Elite und eine nicht-so-digitale-, eher rurale Mehrheit gibt, für die diese Buchstabensuppe wahrscheinlich Realsatire war: genau so gut versteht die Merkel uns, ha ha. Falls mans dann entwirrt hat, beantwortete die Kampagne dann noch nicht mal die eigentliche Frage: Ja, lebt es sich denn gut und gerne hier? Die Kopie des Wahlkampfes 2013 hat nicht funktioniert: ein Merkelgesicht und ein markiger Spruch, das reicht wohl nicht.  

Was ich nicht glaube, dass die Ostdeutschen wollen, dass es anderen schlechter geht. Ich glaube auch nicht, dass sie wirklich wollen, dass ein erneuter Braindrain einsetzt, weil Menschen (wie ja vielleicht ich) die Nase voll haben und gehen. 

Ziemlich sicher bin ich mir aber, dass am Sonntag eines abgewählt werden sollte: die Komplexität des heutigen Lebens. Ein Leben, in dem ich selbst regelmäßig Jobchancen suchen, selbst meine Vorsorgeangelegenheiten klären, selbst meine Kinderbetreuung organisieren, selbst entscheiden muss, ob mein Gegenüber Freund oder Feind ist, und – vor allen Dingen – mich im Zweifelsfall selbst begeistern muss, fällt uns allen schwer. Vielleicht war der Sprung größer hier im Osten? Immerhin begegne ich im sächsischen Bildungssystem noch heute Erzieher und Lehrer, die nicht wissen, welche Form des Zusammenlebens sie jetzt eigentlich lehren sollen: die alte, ein solidarisches Gruppen-Ich oder die neue Selbstverantwortung für das einzelne Kind, um auch im individuellen Krisenfall gerüstet zu sein? Als biographischen Irrtums bezeichne ich es noch heute, dass ich derzeit von der schwäbischen Ordnungsliebe in die sächsische flüchtete.  

Wenn wir jetzt, wie Frau Merkel, sprachliche Brücken für die Abgehängten bauen, versprechen, dass wir uns um sie kümmern, wie ängstlich wird dann der gesamte politische Diskurs? Und wie motzig. 

Die Reaktionen am Wahlabend zeigen, wie schwer das wird: Die einen verkünden trotz Wahlverlusten den Wahlsieg, die anderen erklären die Opposition zur gewichtigen Rolle. Ich wünsche mir hier deutlich mehr Selbstkritik – was ist der jeweilige Kern der Politik? Wie setzen wir ihn künftig um? Stattdessen: Personalien und ein empfindlicher Seehofer. Aber, für mich, machen diese beiden Imperfektionen des politischen Betriebs immer noch einen großen Unterschied zu der neuen Normalität, wenn ein 76-Jähriger im Aufbäumen seiner letzten Testosterone die Jagd ausruft – um DAS dann bei Anne Will als normalen politischen Diskurs hindreht, ohne das wirklich Gegenwehr kommt. Für mich ist die AfD ein Haufen voller Lügner. Sie belügen das Establishment und sie belügen (siehe Petry) ihre Wählerschaft.  

Im WeidelGauland-Sprech: ist das fair? Ist es fair, dass die schlechten Straßen im hinteren Zipfel des Erzgebirges (über deren Zustand einige in NRW vielleicht neidisch sind!) darüber bestimmen, wie ich mich heute fühle? Grausam, die Statistiken, die – wie Kabarettist Voker Pispers schon vor Jahren maliziös bemerkte – zeigen, dass dort häufiger rechts gewählt wird, wo weniger Ausländer sind. Der Unterschied zwischen der NDP damals und der AfD heute: die Furcht, dass wir ein neues Establishement bekommen. Ein reaktionäres, anti-emanzipatorisches und rassistisches Establishment, basierend auf einer jahrzehntelang verkündeten Lüge: ohne die gings uns besser.  

Die Raute ist wahrscheinlich nicht die richtige Antwort darauf. Merkel erinnert ich manchmal an einen meiner begabten, aber in Sachen Engagement eher lauwarmen Lehrer, der bei einer Schulaufführung den unvergessenen Satz geäußert hatte: „Wenn es heute Abend schön wird, sind es meine Schüler. Wenn nicht, sind es ihre Kinder.“ Doch, Frau Bundeskanzlerin, das ist  

Der klassische Job von Volksparteien: dafür sorgen, dass diese komplizierte Balance erhalten bleibt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Job in den letzten Jahren eher gut oder eher schlecht gemacht worden ist, weil die Wirklichkeit ziemlich kompliziert geworden zu sein scheint. Eine Kritik am Establishment ist richtig und sie gilt für alle etablierten Parteien, die schon einmal regiert haben: Politik ist der Politik verpflichtet. Und nicht irgendjemandem oder irgendetwas. Und auch wenn Politik von Menschen gemacht wird, sollte es nicht allzu sehr menscheln. Wir sind lange Jahre gut damit gefahren, Parteien statt Personen zu wählen. Dafür ist freilich notwendig, dass die Parteien eine klare Vorstellung von ihrem Zielpublikum haben. 

Ein Tag nach der Bundestagswahl 2017 

Liebe Wahlheimat … ein Wossi macht den Mund auf: #RefugeesWelcome


Refugees welcome - Hnde mit bunten Fingern halten ein Pappschild mit der Aufschrift "Flchtlinge willkommen"Borna b Leipzig“ hieß mein erster Text, den ich nach meiner Ankunft in Leipzig an einem Samstag im Oktober 2000 verfasst habe. Der Text ist verschollen, aber ich erinnere mich noch, dass ich vor dem einzigen Dönerladen stand, dessen Scheibe „natürlich“ kaputt war. Die Herbstsonne schien auf die biergelben Scheiben eines einsamen Gasthauses, das ich zu Hause (im Süden der Republik) vielleicht wohlwollend als „Besenwirtschaft“ bezeichnet hätte. Bei meinem ersten Provinzausflug in den Osten sah ich keine Menschenseele, nicht einmal Gäste in der Gaststätte. Ich sah keine Ausländer, ich sah keine Inländer. Ich sah nur ein Casino und die kaputte Scheibe des Dönerladens. Ich fröstelte und fuhr zurück in die ostdeutsche Stadt.

Der Osten der Jahrtausendwende: Nett, aber ausländerfeindlich

Es waren harte Zeiten damals für eine angehende Politikwissenschaftlerin (von politischen Theorien hingerissen und, wie die meisten Kommilitonen, in dauernder Empörung über die praktische Umsetzung). Ich kam aus Freiburg im Breisgau, der Inbegriff an studentischer Glücksseligkeit, und wollte endlich einmal mein Land in Gänze kennen lernen. Der Süddeutsche neigt ja dazu, sich in seinem Ländle mit Hügele zu vergraben und sein gutbezahltes Jöble zu machen und dann zu sagen, die anderen seien selbst schuld, wenn das Leben schwer sei. Nun. Die Studentenzeit ist vor dem reifen Alter die einzige Phase, sein Klischeedenken mal in den Griff zu bekommen.

Was soll ich sagen: Ostdeutschland machte es mir nicht leicht zur Jahrtausendwende. Leute, die nicht mit mir redeten, als sie hörten, ich sei ein Wessi. Der latente Vorwurf, ich sei arrogant, weil – naja, weil ich mich nicht ganz schlecht fand. Und dann – Rostock und Lichtenhagen, Lichterkette und Dunkeldeutschland eingedenk – dieser seltsame Umgang mit den Ausländern. Es gab kaum welche und wenn, dann wurden sie auch noch so genannt (gerne auch mal „Fidji“). Im Jahr 2000 war es so: der Osten ist nett, aber ausländerfeindlich. Die Entfremdung zwischen beiden Landesteilen war sehr groß. Als ich 2002 nach Paris, einem interkulturellen Schmelztigel, ging, dachte ich nicht, dass ich einmal wiederkäme.

Das Durcheinander als Statement

In der französischen Hauptstadt fand ich, was ich suchte. Denn ich stehe auf das Durcheinander verschiedener Kulturen. Ich stehe auf Reibungen zwischen Menschen. Weil da was passiert. Auch wenn’s nervt, das gehört zum Menschen dazu. Ein dummbaggernder Türke geht mir genauso auf die Nerven wie eine rechthaberische Alte, wie meine Kinder, wenn sie nörgeln, wie meine Freunde mit Laberflash. Ein Leipziger Bekannter aus dem Ruhrpott vertraute mir kürzlich an, dass er seine alte Jungsgang vermisst, in der er der einzige Deutsche war, weil die Witze da besser gewesen seien. Steige ich bei meinen zahlreichen Dienstreisen für Nimirum in Essen, Köln oder Dortmund aus dem Zug, habe ich das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Manchmal komme ich mir unterbelichtet vor, weil ein Mädchen in rasender Geschwindigkeit in ihr Handy deutschtürkt: „biz zaten yapmıyoruz çünkü völlig durchgeknallte öğretmen, bize daha fazla ödev vermez söyledi düşünün, geil oder?“ Glauben Sie mir, Ich als Mutter würde sehr, sehr gerne deutschtürken können! „Das verrückte Çocuk kendini giymiş olduğunu , breakfasted düşünün ve zamanında bu sabah otobüs almak, geil oder?“. Was das heißt, dürfen Sie jetzt selbst mal bei Google Translator schauen.

Leipzig jetzt: avantgardistische It-Town

Statt in den Ruhrpott zog ich 2009 wieder nach Leipzig. Und fand mein Leben. Mir gefällt der egalitäre Zug der Leute hier, der engere Seinsbezug zum Leben. In der Finanzkrise hatte ich sogar das Gefühl, einer Avantgarde anzugehören, in der es jenseits der Konsumzufriedenheit ein größeres Ziel gibt. Mir gefallen auch tausend andere Sachen in Leipzig: Architektur, Kultur, Natur, Szene, modernes Genderbewusstsein, mittlerweile sogar der Slang (wobei man da als Schwabe eh den Mund halten sollte). Allein die Sache mit den Ausländern. Meine neue Strategie war, mir größtmögliche Distanz dazu zu verschaffen: das sei „peinlich“, beträfe aber eigentlich nur noch „die Provinz“. Das ging Jahre lang gut, währenddessen zumindest in den Städten eine dünne Decke Migranten entstand, die nicht sofort verhauen wurde. Mit Genugtuung beobachtete ich, wie sich in der Tram und auch im Freundeskreis die Ränder ausfranzten. Zuerst zwischen West und Ost und, langsam, aber sicher, auch zwischen Deutschland und Ausland. Ich revidierte einige Haltungen und fühlte mich wohler. Ich wurde ein echter Wossi. Ich gründete mit meinem Geschäftspartner Nimirum. Die Unterschiedlichkeit von Kulturen ist die Grundlage unserer Arbeit. Die deutsche Perspektive ist dort nur eine von vielen.

Vielleicht bilde ich mir deshalb ein, dass der Osten offener ist als er in den Mainstream-Medien dargestellt ist. Unsere sächsischen Kunden beschäftigen uns für ihre internationale Kommunikation; wir kennen zahlreiche Länderexperten, die in Leipzig und anderswo leben; meine Journalistenkollegen im DJV erlebe ich als geradlinige und besonnene Zeitgenossen. Von meinem Freundeskreis ganz zu schweigen. Ich begann, stolz zu sein, im Osten der Republik zu wohnen – auch, weil internationale Blätter Leipzig als neue It-Town entdeckten. Irgendwann in den letzten zwei Jahren war ich mir sicher: so wie es in Berlin Anfang der 2000er war, ist es jetzt in Leipzig. Lustig, bunt, immer wo was los.

Das „Pack“ – Das sind nicht wir!

Pegida dann war der erste Fausthieb in meinen Magen, Tröglitz der zweite und Heidenau gab mir beinahe den Rest: täusche ich mich? Wo lebe ich? Haben „die“ denn gar nichts gelernt? Alte Reflexe, zum Osten Deutschlands nicht dazugehören zu wollen, kamen hoch. Die leeren Straßen von Borna bei Leipzig anno 2000, deren Ausdünstungen des verlorenen Lebensgefühls. Bitteres Lachen, als ich vom Begrüßungsplakat für Merkel in Heidenau las: „Wir sind das Pack“. Wie wahr, wie wahr. Ein nihilistischer Wortwitz, der die die politische Reife des Ostens in meinen Augen unverhältnismäßig degradierte. Meines Ostens? Gibt es noch einen anderen? Mir kam die Zögerlichkeit einiger Ostdeutscher in den Sinn, die sich angesichts der Pegida-Diskussion wegducken wollten. Beleidigt schienen, dass man sie im Westen Deutschlands (und sonstwo) jetzt wieder „blöd“ fand. Das machte mich sauer. Ihr seid doch auch dagegen, bitte mal#mundaufmachen! In meiner süddeutschen Herkunftsregion gab und gibt es ganz schön rechte Ecken. Das rechte Getuschel, der Alltagsrassismus, über alle Bildungsgrenzen hinweg, all das gibt es auch im Westen. Heimlicher eben.

Das „die haben es viel besser als wir“ allerdings nicht. Und dieser Tatendrang in allen Bevölkerungsschichten, der die große Mehrheit des Landes nun so irritiert. Und das Ost-Bashing in den Medien ziemlich einfach macht.

DDR = Syrien – Pegidander verstehen das

Vielleicht funktioniert deshalb der, aus meiner Sicht etwas schräge Vergleich der Flüchtlinge aus der DDR und denen aus Syrien. Die Botschaft ist simpel und wahr: Dieses Schicksal kann jeden treffen. Es gibt den Zustand unverschuldeter Hilflosigkeit, bei der Menschlichkeit erstes und oberstes Gebot ist. Egal, für wen. Vielleicht deshalb, vielleicht auch angesichts der Realitäten ist zögerlich in den letzten Tagen ein Umdenken zu bemerken. Ehemalige Flüchtlingsgegner werden zu Befürwortern und helfen, pragmatische Lösungen werden gesucht. Leipzig versucht derzeit mit allen Kräften, das München des Ostens zu werden.

Refugees Welcome! Können wir so verbleiben, liebe Wahlheimat?

Anja Mutschler

Der Text vom 10. September 2015 erschien auf dem Blog von NIMIRUM und in der EditionF. Ihr möchtet ihn auf veröffentlichen? Bitte meldet Euch
bei mir.

 

Regionalia – Geiseltalsee: Wunderbar blau


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Fragen der Größe nähert man sich am besten von oben. Aus der 500-km-Perspektive nur wenige blaue Flecken. Der Bodensee misst sich mit seinen europäischen Kollegen, dem Genfer See oder dem Plattensee. Dieser Wettstreit im Seen-Memory ändert sich die nächsten paar hundert Kilometer nicht, die man mit dem satellitengesteuerten Web-Flugzeug auf Deutschland herunterschwebt. Erst ab 25 Höhenkilometer blinkt es blau auf den Karten von Google oder Microsoft: die Müritzer Seenplatte schiebt sich zuerst ins Bild, dann folgen Chiemsee und Ammersee und der Fleck südlich von Hannover entpuppt sich als Steinhuder Meer. Und da – ein wenig hinuntertrudeln noch, aber eine Ahnung hat man schon, der Geiseltalsee: größer als alle anderen Tagebauseen in der Region, ja sogar der größte künstliche See Deutschlands. Vier Mal größer als der Cospudener See, hat der Geiseltalsee die Goitzsche bei Bitterfeld als größten See der Region abgehängt. Der Große Wannsee von Berlin passt beinahe sieben Mal hinein. Der lag allerdings quasi immer schon im Süden von Berlin. Diese Standorthoheit muss sich der gerade erst zur Nutzung freigegebene Geiseltalsee im Landkreis Merseburg- Querfurt noch erarbeiten. Weiterlesen

Ganz sicher


(c) Michael Mutschler, 2011.

Barszene. (c) Michael Mutschler, 2011.

Es ist ein lauter Abend, denn alle wollen reden. K. sagt zu dem Mann hinter dem Tresen, dass er festgestellt habe, dass es laute und leise Tage gibt, ungeachtet der Anzahl der Gäste. Ob ihm das auch aufgefallen sei? Er stimmt ihm zu, auch ihm käme es vor, als ob sich die Menschen manchmal die Worte sprichwörtlich aus dem Rachen zögen. An anderen krakeelten und schwatzten sie munter und laut, wie eben heute. Ganz so, überlegt der Barkeeper, als ob es kosmischen Schwingungen gäbe, die die Weltenlaune in die eine oder andere Richtung zieht. K. nimmt einen Schluck und sagt, dass er Kolleginnen habe, die sowas ja auf den Mond und so weiter schieben würden.  Manchmal höre er auch Leute, die  – sehr global, ha ha – vom globalen Stimmungsumschwung redeten und davon, wie der jetzt schon bis ins Büro oder die Familie spürbar sei. Und erst die Christen oder Esoteriker oder Anthri, Antopro, –  Anthroposophen, half der andere ihm – genau die, die hätten da sicher auch eine Erklärung. Aber K. meine doch etwas anderes, irgendetwas dazwischen. Aber, ganz sicher, da gibts irgendwas.

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Schweigen II


(c) Michael Mutschler, 1994.

Heiraten, hörte ich eine Frauenstimme fragen. Ihr wollt heiraten? Das Fragezeichen fällt fast hörbar auf den Tisch, der zwischen ihnen steht. Ich sitze im Zug und fahre nach Berlin. Gerade passieren wir einen Stausee, von dem ich mir jedes Mal vornehme, nachzusehen, wie er heißt und warum es ihn dort gibt. Nachdem man eine halbe Stunde an platten Felder vorbeigefahren ist – die man ignorieren muss, möchte man in Berlin noch einigermaßen wohlgemut aus dem Wagon steigen – ist dieser glitzernde, blaue, weite See, der immer in der Sonne zu liegen scheint, eine Irritation. Eine wohltuende Erscheinung, aber so erstaunlich wie ein fröhlicher Vater morgens im Kindergarten. Ja, höre ich die andere sagen, ihre Stimme ist tiefer, angenehm und ich stelle mir vor, dass sie dunkles, schönes Haar hat und einen herbstroten Lippenstift trägt. Wir heiraten!

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Ermächtigung – warum ich Gauck-Fan bin


1971 stellte Joseph Beuys für eine seiner politischen Kunstaktionen 10.000 Plastiktüten her, auf denen er Demokratie und Parteienstaat miteinander verglich.

(c) Foto: Dr. Heinz Schmidt-Bachem Andreas Waidosch auf einestages.spiegel.de (Kulturgut Plastiktüte: "Die Abschlepphilfe".)

Von mir selbst habe ich immer behauptet, ein freiheitlich denkender Mensch zu sein. Jemand, der gegen Bevormundung, aber auch für Selbstverantwortung einsteht. Ich habe trotzdem nie die FDP gewählt, ehrlich gesagt, bin ich auch nie auf den Gedanken gekommen. Und das liegt nicht nur am Personal. Ich hatte in letzter Zeit auch angefangen, mich damit auseinanderzusetzen, ob ich eines Tages nicht mehr werde wählen gehen können. Für eine Politikwissenschaftlerin ein starkes Stück und ehrlich gesagt, habe ich mich ziemlich vor dem Moment gefürchtet, da ich mir eingestehen würde, dass meine Beuys-Plastiktüte aktueller ist, als mir lieb ist (s.o.).

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Auf einer Welle sitzt auch mal eine Katze


Die Katze isst Gulasch. Mein Gulasch, das auf dem Gartentisch stand, als das Telefon klingelte. Ich habe sie nicht eingeladen, aber nun ist sie da. Sie sieht mich an mit diesem typischen Katzengesicht, das gleichzeitig lächelt und verschlagen dreinblickt. Sie ist schwarz mit ein paar weißen Flecken. Als die Kinder heranstürmen, springt sie weg.

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War Goethe je im Ruhrgebiet?


Sich über den Bahnhof Köthen aufzuregen, ist nicht besonders originell. Sich über den Bahnhof Köthen aufzuregen, weil er dem Vorurteil – im Osten sei alles grau und schmutzig – vorbildlich entspricht, erscheint  anbiedernd sympathisch: Der Ossi wird geliebt, der Distanz zu seiner Heimat beweist. Is doch so, nä?

Indes ist eine neuerdings bekennende Schwäbin solcher Anpassungen eher unverdächtig.
Andere Aufregungen passen eher zu ihr: Ihre schon drei Wochen währende Erregung über die (verbalen) Spirenzen beim AKW-Thema, die sich bei weiterer Lektüre im Zug verfestigt (Haben wir nun schon den Super-Gau oder reden wir nur von einer Atomkatastrophe?).  Ihre Müdigkeit, als sie feststellt, dass mal wieder eine erfahrene Telefonistin im Abteil ist, die ihrem Freund gerade die Geschichte vom Freund ihrer Freundin ihrem Freund erzählt. Ihre Nervosität, ein Zwischenlösungs-Handy dazu zu verführen, eine wirklich wichtige Mail abzuschicken (Wie konnte die Welt je ohne Touchpad existieren?).
Dagegen ist es völlig abwegig, ihr zu unterstellen, nach zehn Jahren Leben im Osten hätten sich die Gewichte verschoben, und sie sei plötzlich identitätsmäßig mehr dauerbeleidigt Ost als nervig West. Was, siehe oben, die Köthen-Depression hinreichend erklären würde.

Die beste PR geschieht unbemerkt: aus Überzeugung. Sollte das stimmen, ist die Dame, die natürlich ich bin, im Laufe der letzten Dekade eine penetrante PR-Maschine des Ostens geworden. Je nach Publikum stelle ich „Ostdeutschland“ – einen Begriff, den ich sogleich korrigiere – als wild, schön, mit kulturellen Glanzlichtern versehen, als aufstrebend, gut saniert oder einfach als nett dar. Ich merke das gar nicht. Es geschieht automatisch. Ich kenne alle Vorurteile über die Ossis und habe verschiedene Strategien, das Gegenüber je nach Verfasstheit zu düpieren, zu umschmeicheln, sanft auf den richtigen Weg zu führen. Oder einfach mundtot zu  machen. Beispiel: Ja, die neuen Straßen braucht doch eh keiner, da. Bei uns hier bröckelts und da … Gegenfrage: Wären die Straßen dort schlecht, würde das die Wahrscheinlichkeit für Sie erhöhen, einmal dort hinzufahren? Dann kann der andere natürlich nur noch sagen: Ich will da überhaupt nicht hinfahren. Was er erfahrungsgemäß nie sagt. Gerade, wenn es wahr ist.

Meine Eltern haben mich 2007 in meiner experimentellen Phase besucht, als ich auf dem Dorf nahe Bitterfeld wohnte (der Blogleser weiß schon mehr, alle anderen erfahren bei Unanstand oder Rückwärts mehr). Wir fuhren eines Tages nach Zerbst /Anhalt. Zerbst liegt westlich von Dessau, das wiederum eine Stunde südlich von Berlin liegt. In Zerbst hat mein Großvater sein Referendariat gemacht. Als Kunstlehrer. Und Goethe war mal hier. Was meinen Großvater (und natürlich auch Goethe) angeht, so war er vor dem Zweiten Weltkrieg. Ein Teil der Erklärung dafür, warum wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können, warum er ein Leben lang von Zerbst geschwärmt hat, als wir durch diese graue, reizarme, eben sichtbar wiederaufgebaute Stadt gehen. Gut, es regnet. Gut, es ist Oktober. Gut, es hat nur 8 Grad. Aber meine Mutter, die noch nie in ihrem Leben im Osten gewesen ist (und danach auch nie wiederkommen würde), wird sehr blass. Nichts könnte weiter entfernt vom Ländle sein als Zerbst. Erst laufen wir durch die osttypische Plattenbausiedlung im Zentrum der Stadt. Die wirkt vielleicht in Dresden noch interessant. In Städten wie Zerbst, Köthen, Dessau, Lichtenfels und Chemnitz bewirkt die architecture triste lediglich, dass das (Ab-)Sterben eines Ortes mitten ins Zentrum des Geschehens gerückt ist. Da hilft ein sanierter Kirchturm auch nicht. Natürlich ist  nichts los. Wenn wir jemanden sehen, ist er schlecht angezogen (meine Mutter war immer adrett). Manchmal trägt er eine Glatze, auf die es regnet. Wir bleiben zwei Stunden, gegen unsere sonstige Gewohnheit kehren wir nirgends ein. Das war tiefste Punkt meines Lebens als der PR-Maschine des Ostens.

Köthen heute, an diesem halb gelungenen Tag, scheint zum zweiten Tiefpunkt dieser Karriere werden zu wollen. Ich komme mir vor wie ein verärgertes Elternteil, das seinen Sprössling beschimpft, weil er seine Qualitäten hinter schundiger Ausstrahlung versteckt. Köthen: Bachstadt. Köthen: Stadt der Homöopathie. Ist das so schwierig, diese Pfunde in Willkommensfreude an einem Fernbahnhof zu, ja, transformieren? Ich bin unfair, und das liegt natürlich auch daran, dass ich den Bahnhof Köthen heute aus den Augen eines, sagen wir aus Düsseldorf Anreisenden sehe. Halb Deutschland fährt durch diesen Ort, wenn es nach Leipzig will, versteige ich mich plötzlich. Die Telefonistin hebt kurz die Augenbraue, als ich – offenbar knurrend – aus dem Fenster starre.

In Magdeburg beschaut sich ein Penner sein zermürbtes Gebiss. In jenem Zugfenster, hinter dem ich sitze. Ich kann ihm direkt in den Mund schauen. Die gesamte Front fehlt. Er bleckt sie sich trotzdem mit den Zähnen. Ich bekomme einen hysterischen Lachkrampf, als ich es einem am Telefon erzähle. Das Kind vor mir lacht mit, bis die Mutter es rügt, weil das Baby davon aufwachen könnte.

Wir fahren durch Braunschweig. Stadt der Wissenschaft steht in großen Lettern da. Volle Bahnsteige. Mir fallen zu viele Leute ein, die mir erzählen, dass sie immer froh / deprimiert sind, wenn sie über diese Grenzen fahren.Ich ignoriere Braunschweig so gut es geht und fahre mittelmäßig gelaunt bis Hannover. Der Schaffner bescheidet den Umsteigern kurz vor Halt, in diesem Zug sitzen zu bleiben. Der fragliche ICE sei verspätet, der IC schneller am Zielort Köln. Ich seufze. Die Liste der IC-Haltestellen bis dort ist lang. Der Zug quillt über von Auf-den-verspäteten-ICE-Wartenden und Neu-in-den-Zug-Einsteigern, die die Plätze der In-einen-nicht-verspäteten-ICE-Umsteiger einnehmen möchten. Ein Schaffner pickt besonders Bedürftige von den Fluren heraus, was nicht nur zu Freude führt (Seh ich etwa so alt aus? Ich kann noch sehr gut stehen!). Die Telefonistin geht in die fünfte Stunde mit ihrem Freund, jetzt steht sie, da ihr Platz reserviert ist, direkt hinter mir. Es ist voll. Es ist heiß. Ich sehne mich nach dem halbleeren Zug im Osten zurück. Wir fahren durch Bielefeld, wir fahren durch Gütersloh, wir fahren durch Hamm, wo die Dame mit dem Mobiltelefon endlich aussteigt.

Wir fahren durch Hamm, und es wird trist. Es dauert ein wenig, aber als ich die mir hinlänglich, aber nicht freiwillig bekannte Reichsflagge wehen sehe, irgendwo zwischen Hamm und Dortmund und, äh, Hagen?, fällt mir ein Stein vom Herzen, dass ich einige deprimierende Statistiken über diesen Teil des Westens gelesen habe. Nachdem ich sie gelesen hatte, wusste ich, wo ich auf keinen Fall wohnen werde. So passiere ich das Ruhrgebiet in seinem Rücken und denke, dass doch mehr zusammengehört, als man denkt.

Nachtrag: Einige Tage später finde ich meine Reaktion ziemlich übertrieben und revanchistisch. Längst von der Wirklichkeit überholt, der Zwang, immer noch in der Kategorie gesamtdeutsch zu denken. Ganz besonders beim Zugfahren, wie nun jeder weiß. Ich werde über Frankfurt zurückfahren. Vom Süden aus fährt man in den Osten hinein, wie er wirklich ist: Schön und wild und mit kulturellen Glanzlichtern versehen. Aber ob Goethe je im Ruhrgebiet war, schlage ich noch nach.

Unanstand



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Mir gegenüber sitzt ein Pärchen mit Hund. Der Mann trägt seinen Schopf, wie hier üblich, sehr kurz. Die Haare der Frau hingegen sind lang und schwarz, was mich hoffen lässt.

Ihr nicht uncharmant zwischen Jugend und Reife oszillierendes Gesicht erinnert mich an jemanden. Jemanden aus einer längst verblichenen Zeit, einer Zeit, die mir im Nachhinein als Aneinanderreihung von Nächten erscheint, in entweder stickigen, brüllend lauten, zugleich knisternden, auf jeden Fall jedoch halbdunklen Räumen, oder entlanglaufend an Flüssen, flüsternd oder schon nicht mehr flüsternd; auf alle Fälle waren es immer verheißungsvolle Nächte gewesen, an die mich die Frau an diesem unauffälligen Dienstagmorgen erinnert. Während der Zug unvermindert vorwärts rattert, laufen meine Gedanken rückwärts, und ich folge ihnen, mit halbem Widerstand, denn sie sind gefährlich für mein Gleichgewicht.

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