Ganz sicher


(c) Michael Mutschler, 2011.

Barszene. (c) Michael Mutschler, 2011.

Es ist ein lauter Abend, denn alle wollen reden. K. sagt zu dem Mann hinter dem Tresen, dass er festgestellt habe, dass es laute und leise Tage gibt, ungeachtet der Anzahl der Gäste. Ob ihm das auch aufgefallen sei? Er stimmt ihm zu, auch ihm käme es vor, als ob sich die Menschen manchmal die Worte sprichwörtlich aus dem Rachen zögen. An anderen krakeelten und schwatzten sie munter und laut, wie eben heute. Ganz so, überlegt der Barkeeper, als ob es kosmischen Schwingungen gäbe, die die Weltenlaune in die eine oder andere Richtung zieht. K. nimmt einen Schluck und sagt, dass er Kolleginnen habe, die sowas ja auf den Mond und so weiter schieben würden.  Manchmal höre er auch Leute, die  – sehr global, ha ha – vom globalen Stimmungsumschwung redeten und davon, wie der jetzt schon bis ins Büro oder die Familie spürbar sei. Und erst die Christen oder Esoteriker oder Anthri, Antopro, –  Anthroposophen, half der andere ihm – genau die, die hätten da sicher auch eine Erklärung. Aber K. meine doch etwas anderes, irgendetwas dazwischen. Aber, ganz sicher, da gibts irgendwas.

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LoF: 6 months later



Mein diesjähriger Weihnachtshit von der Compilation „About Christmas“, erschienen bei DevilDuck.

Facebook ist der Geliebte. Ist es vorbei, hört man nicht auf, sich für ihn zu interessieren. Man interpretiert die Informationen über den Verflossenen lediglich anders. Man liest und hört alles, was man zu ihm in die Hände kriegt. Ignoriert mit Macht jede Sentimentalität. Schürzt stattdessen verächtlich die Lippen oder murmelt mit fester Stimme: „Jaja! Wusst ichs doch.“ Hat einer, den man mag, was auf Facebook gelesen und er erzählt einem davon, strafft man die Schultern und man erzählt die Geschichte des Entkommen-Seins:

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Gehn wie ein Ägypter


Schuhe. (c) Michael Mutschler, 2011

Schuhe. (c) Michael Mutschler, 2011

Egypt must be free

Als es in Ägypten begann, habe ich, nicht nur, weil eine befreundete Familie dort wohnt, zum ersten Mal seit langem eine unverhüllte Begeisterung über ein politisches Ereignis entwickelt. Ich lebe seither im schwindeligen Gefühl, einer bedeutsamen politischen Wende beizuwohnen. Vielleicht, weil ich mich an 1989 nur bruchstückhaft erinnere: aufgeregte Verwandte, rotbackige Geschichtslehrer, unverschämt viel Fernsehzeit und nicht zuletzt meine kindliche Erleichterung, dass „die da drüben“ jetzt endlich Urlaub „in Italien machen dürfen“. Berechtigte Einwürfe, eine schwankende arabische Welt könne am Ende nachteilig für alle sein und die Region jahrelang in Unruhen stürzen, gehen unter im Jubel der Demokratin. Ich lese atmosphärische Artikel wie den von Khaled Alkamissi in der Frankfurter Rundschau und überlege, ob man sagen darf, dass die Facebook-Generation einen informierteren Eindruck macht als die politische Garde auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

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Dialoge II


Teil 2: Konzepte wie die Digitale Gesellschaft (in guter alter Bürgeriniativen-Tradition) stehen dem horror vacui der modernen Demokratie entgegen. Das Netz gilt als Chance  – für den Einzelnen, für Unternehmen, für die Politik. Das Mehrheitsprinzip siegt sozusagen in Echtzeit. Gleichzeitig ist man auch pragmatisch: Das Netz ist da, also bitte lasst es nicht einfach geschehen, sondern nutzt es. Vorreiter ist Sascha Lobo, dessen Ernennung zum S.P.O.N.-Kolumnisten der letzte Nachweis dafür ist, dass der Avatar im Internet ein realer Gegenspieler zum Ich geworden ist. Aber das Prinzip der digitalen Gesellschaft ist (in guter alter Bürgeriniativen-Tradition) kein bequemes: Nörgeln is nich. Bleib fair. Sei nicht klandestin. Versuch nicht, alles zu kontrollieren. Vertrau deinen Mitmenschen, sie sind nicht so schlimm, wie du denkst.

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Dialoge I


Als di-aloges Mitglied der Gesellschaft bin ich zwischen Macht und Möglichkeit des Internets hin und her gerissen. Di-alog deshalb,weil  ich beide Zeiten kenne – was mich vom Digital Native unterscheidet: Die analogen Zeiten, in denen man nicht jeden Monat Datenschutzbestimmungen irgendeines Programms lesen musste oder permanent seinen Namen googeln, damit sich kein reputationsschädigender Treffer einnistet. Analoge Zeiten, in denen  der Staat niemals nach einem Fingerabdruck im Ausweis-Chip gefragt hätte. Vermutlich spielt ein Fingerabdruck in heutigen Kriminalgeschichten keine Rolle mehr. Aber aufgewachsen bin ich mit Schimanski und Tappert, die sich den Fingerabdruck vom Täter noch mit Kreidestaub aus dem Fenster meißeln ließen. 1987 wäre es vermutlich völlig undenkbar gewesen, einen unbescholtenen deutschen Bürger um seinen Fingerabdruck zu bitten – ebenso wie er sich verbeten hätte, die Produkte seiner Einkäufe in Zentralkassen zu registrieren oder Statusmeldungen zu verfassen, die auch später noch abrufbar Auskunft darüber geben, wo man sich gerade befindet.

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