Pandemie-Tagebuch (1): In der Zeitspalte


Nein, ich bin nicht in Quarantäne. Home Office mache ich seit 3 Monaten durchgängig. Meine Kinder sind groß genug, mein berufliches Leben läuft nahezu normal weiter (bis auf das ausbleibende Neugeschäft). Meine Verwandtschaft und alle Freunde sind (noch) gesund. Es gibt also keinen offensichtlichen Grund für dieses Tagebuch. 

Eng und weit zugleich – meine Zeitspalte

Allerdings empfinde ich diese Zeit als extrem, vielleicht die extremste, die mir in meinem verwöhnten, friedensreichen, wohlstandsverwöhnten Dasein, in dem ich genug Momente zum Jammern, Klagen und mich selbst Bedauern gefunden habe, passiert ist.
Ich komme mir wie in zwei Hälften zerschnitten vor: Funktional, mich und meine Liebsten rettend-schützend, kurz vor der Panik, einerseits. Visionär, träumend, hoffend, entspannt wie selten auf der anderen Seite.

Gleichzeitig aus der Zeit gefallen und in eine Zeit hineingezwungen.

Ich sitze wie in einer Zeitspalte.

Wie ich hinein gekommen bin, weiß ich nicht. Ich bin unversehrt, habe aber wenig Spielraum.

Es ist eng und klamm da unten in der Zeitspalte, und mein Alltag kreist um die Grundverrichtungen des Lebens. Der Bewegungsradius ist stark eingeschränkt und ich hoffe, dass mein Rucksack mit allem Notwendigen ausgerüstet ist, raus komme ich wohl nicht mehr so schnell. Ich weiß, wann Tag und Nacht ist, aber – ehrlich, welcher Wochentag ist, habe ich vergessen. Alles durcheinander, anders, neu.

Über mir jedoch: der Kosmos. In die Weite zu blicken, ist immer ein erhabener Moment, egal, ob vom Berg, aus dem Flugzeug, Schiff oder am Strand. Dieser leichte Grusel, wenn ich den Gedanken zulasse, dass hinter dem Himmel das verdammte Weltall liegt – kaum auszuhalten. Von hier unten, von der bedrohlichen Enge, ist dieser Blick noch beeindruckender. Auch wenn der Himmel weit weg ist und ich nur Ausschnitte sehe – ich ahne die schiere Größe. Und so betrachte ich diesen Himmel, diesen Verweis zum Kosmos, in meiner Spalte sitzend, stundenlang, tagelang.  Ab und zu höre ich einen Hubschrauber kreisen. Vielleicht findet er mich. Wenn ich lange genug nach oben schaue, kann ich den Blick wechseln und von oben auf mich herab schauen, wie ich da sitze, etwas ängstlich und ratlos. Aber auch neugierig.

Extreme Gefühle

So fühle ich mich. Und so habe ich mich, meiner Erinnerung nach, noch nie gefühlt. Ich kenne Niedergeschlagenheit und Hochgefühl, Freude und Trauer, Glück und Unglück und diese minimale Spannbreiten der heiter bis wolkigen Zufriedenheit, nach der wir eine Studie nach alle streben (pffff). Nun aber: Die Enge, die einem ins Herz schlüpft und dann wieder die Weite, die neu zu denken möglich macht. Das gleichzeitig auszuhalten, finde ich extrem. Ich fühle es extrem, ja, selten bin ich, trotz mehr als ausreichender Informationen um mich, ein „wandelndes Gefühl“: bedroht und inspiriert, besorgt und hoffnungsvoll, innerlich und futuristisch.

Diese Furcht-Hoffnungs-Gleichzeitigkeit ist jede Sekunde da:

Während ich um meine Verwandten, Freunde und um uns als abstrakte „Gemeinschaft“ fürchte, während ich den kollektiven Burn-Out des medizinischen Personals (nach der Krise) fürchte und schlichtweg auch das exponentielle Wachstum von Sars-CoV-2, hoffe ich.

Und während ich mehr Nachdenklichkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität spüre und auf eine bessere Welt „nach dem Coronavirus“ hoffe, in der wir wieder wissen, dass Medien informieren, die Politik entscheidet und die Wissenschaft ein unverzichtbarer Bestandteil unseres menschlichen Fortschritts ist, fürchte ich.

Während ich diesen Artikel schreibe und mich vergesse, weil ich es einfach rattenscharf finde, wenn ich einen Artikel schreibe, frage ich mich, was wir eigentlich alle tun, wenn wir jetzt monatelang im Ausnahmezustand festsitzen.

Und während ich mir die Grausamkeit der exponentiellen Kurve vor Augen führe, die mich sehr gern in meiner Zeitspalte sitzen lässt, lausche ich der Ruhe vor meinem Fenster und freue mich, dass ich Vogelzwitschern hören kann – in der Innenstadt.

Tatsächlich empfinde ich die Hoffnung stärker als die Furcht. Tabula Rasa! So, jetzt noch mal von vorne! Haben wir neue Möglichkeiten?

Nach dem Entsetzen kommen die Möglichkeiten

Fast alle Gespräche, die ich führe, enden heiterer als vor der Coronakrise, obwohl es dazu überhaupt keinen Anlass gibt. Ich glaube auch nicht, dass das nur die „Reaktanz“ ist, also die Trotzreaktion auf eine (sehr krasse) ordnungspolitischen Realität. Ich glaube, dass es auch daran liegt, dass die laute, überdrehte und schräge Melodie, in der wir gleichzeitig global und nationalistisch, nachhaltig und hyperkapitalistisch, genderorientiert und chauvinistisch unterwegs waren, eine kaum auszuhaltende Kakophonie war, der wir uns machtlos gegenüber sahen.

Jetzt steht die Welt still. Und nach diesem „Freeze“ (so bezeichnen Krisenforscher den ersten Moment) funktionieren die Getriebe. Anders. Tastend. Langsamer.

Endlich.

Dürfen.

Wir.

Keine.

Ahnung.

Haben.

Alle ab in die Zeitspalte?

In der Wissenschaft ist es vollkommen normal, etwas (noch) nicht zu wissen, weil Informationen fehlen. Es war aber im digitalen Echtzeitalter bis dato absolut öde für die Berichterstattung, wenn einer sagte, dass „zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht abschließend …“. Lieber lief der Reporter zu einem dieser Menschen mit dem markigen Spruch (buttom line: Trump).

Es ist also beinahe revolutionär, wie wir lernen, mit einer Situation der Überforderung und des kollektiven Nichtwissens umzugehen – das hat in der Finanzkrise nicht funktioniert, in der Flüchtlingskrise nicht, selbst in der Klimakrise siegten die schrillen Töne. Aber jetzt: wir lernen auf die hören, die sich BESSER auskennen. Wir lernen, einfach mal zuhören. Und danach tatsächlich was gelernt haben. Es ist nun mal so, dass eine halbe Stunde Podcast mit Prof. Dr. Christian Drosten im NDR fast schon ausreichen, um zu wissen, wo wir gerade stehen. Und was wir (nicht) tun sollen. Das ist fantastisch! Wer mehr wissen möchte, bekommt übersichtlich und klar in allen gängigen Medien datenjournalistische und multimediale Geschichten geliefert, die nicht reißerisch, sondern unterhaltsam-informativ sind. Ich empfehle ausdrücklich auch amerikanische Medien (gerne mache ich eine Leseliste als Kommentar, wenn ihr wollt!).

Aber: Ich bin keine überarbeitete Medizinerin, ich habe 0 Infekte in meinem persönlichen Umfeld, ich habe keine finanziellen Nöte und bin charakterlich gesehen Optimistin. Ich bin mir auch sicher, dass wir die Ausgangssperre bekommen, weil der Fluchtreflex bei den meisten zu groß ist. Vor dem daheim. Und vielleicht dieser extremen Gefühlslage.

Es sollten aus meiner persönlichen Sicht also sehr viel mehr Leute in Zeitspalten gehen (ohne Netflix, wenns geht!). Um die Lage in den Griff zu bekommen – und uns.

Nun habe ich mich in Hoffnungs-Eifer geschrieben und lese, dass in Italien mehr Menschen gestorben sind als in China. Also: Ich bin selbst gespannt, wie ich diesen Eintrag in einigen Wochen empfinde – hellsichtig oder blauäugig.

Jetzt mache ich einen Abendspaziergang. Allein, versprochen. Aber mit Blick nach oben.

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Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Die Knattermöhre trägt mich durch blendend helle Gefrorenheit. Es ist Montag und ich fahre aus Leipzig nach Berlin. Die Bahn droht zu streiken, die Berliner S-Bahn tut es auf ihre Weise längst – so lasse ich mich von meinem grünen Ford auf einer fast leeren Autobahn gen Norden tragen. Dass ich dabei in umgekehrter Reihenfolge die Orte passiere, in denen ich gewohnt habe, wird mir erst klar, als ich am ersten vorbeirausche.

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