Kriegsgesellschaft


Keine Ahnung, aber: Sind wir nicht längst eine Kriegsgesellschaft? Definitionsvorschlag: eine Gesellschaft, deren Handeln auf die Abwehr akuter kriegerischer Handlungen orientiert ist, ist eine Kriegsgesellschaft.

Ich stelle mir vor, wie die Kriegsgesellschaft im Zweiten Weltkrieg aussah. Auch dort herrschte an Ort A so etwas wie Alltag, während in Ort B Bomben fielen. Ich spreche hier nicht von Politik sondern von der seelischen Begleitmusik jeden Tages, an dem wir aufstehen, unsere Arbeiten verrichten und wieder schlafen gehen. Jener Ort B liegt derzeit außerhalb unseres Territoriums, aber die räumliche Nähe, ich habe darüber schon gesprochen (20blue hour #12, Es gibt Nichts Gutes an einem Krieg), die geistige Nähe dieser Menschen, die noch vor ein paar Monaten ein Leben führte, lässt mich und viele, mit denen ich spreche, die Not spüren. Die Ukraine, das sind unsere Nachbarn: wenn es ihnen nicht gut geht, spätestens dann, sind sie nicht mehr irgendwer.

Sind wir eine Kriegsgesellschaft? Vielleicht wäre es leichter, sich das einzugestehen. Es wäre klarer, zu sagen: Normalität war gestern, wir können nicht wissen, was morgen ist. Seid wachsam! Sorgt dafür, dass ihr stark seid, kümmert euch nicht um Nebensächliches, wir brauchen jede und jeden von euch in der besten Verfassung. Haltet euer Geld zusammen. Kümmert euch um euren Spirit. Wer ist nicht beeindruckt vom Mut der Ukrainer:innen, ihrer klaren Kühnheit? Der Gegner steht fest, und auch das Ziel. In grimmiger Entschiedenheit bildet die Kriegsgesellschaft das Schild um die Wehrlosen.

Eine Kriegsgesellschaft zu sein bedeutet das nicht: Die Grausamkeit wird nicht beiseite geschoben, die Wahrheit ist ein frischer Wind? Seid wach und edgy, seid bereit.

Wenn es so ist, dann stirbt in der Kriegsgesellschaft: die Banalität und das Wohlstandsversprechen, die Lässigkeit und Egozentrismus, es stirbt das lineare Denken und die Höflichkeit, es sterben Bankkonten und Rentenpläne, Steuersparmodelle und Familienplanung, es stirbt die Achtsamkeit und Lüge, Pazifismus und Hoffnung. Es stirbt, wer nicht wachsam ist.

Das eine ist, zu gewinnen, das andere ist, die moralisch-geistige Macht zu halten. Man möchte meinen, das ist der schwierigere Part, und viele tausend Tote später wird bekannt sein, was vor dem Krieg schon Tatsachen waren. Eine Kriegsgesellschaft zu sein, bedeutet wohl auch, die Sinnlosigkeit des Krieges anzuerkennen. Der Realismus ist zurück und er fackelt nicht lange: es kommt auf den Tisch, was längst galt, aber verborgen war. Ist die Ost-Ukraine „verloren“? Vielleicht. Dachte Putin, die ganze Ukraine sei sein Russland? Wahrscheinlich.

Eine Kriegsgesellschaft ist auf alle Fälle ein Wir (gegen die). Aber: Wer sind wir? Deutschland – Ost und West, oder Europa? Oder der Westen? Darüber sollten wir sprechen: wer wir sind. Wer wir sein können. Ohne den materiellen Schrott, der uns erlaubt, in Watte zu leben. Die Watte ist gesponnener Zucker, immer zu süß, im Überfluss tödlich. Zuckerwatte steht übrigens nur Kindern gut. Die Infantilisierung des Angestellten ist die schlimmste Wirkkung des Konsumismus. Man denkt, man sei erwachsen, wenn man sagen dürfe, was man wolle, und qua Amt kommen keine Widerworte (in Zeiten des „Fachkräftemangels“ schon gar nicht). Sich selbst moralisch täglich neu zu justieren, steht in keinem Arbeitsvertrag, aber doch im contract social, den wir mit der Geburt unterschrieben haben. Du kommst nichts ins Gefängnis dafür, klar, aber Klarheit in Kriegszeiten rettet dein und unser Leben.

Also: Wacht auf, seht hin, versteckt euch nicht hinter euren Gehaltszetteln, euren Smartphones, in Online-Meetings, auf Messen, beim Rasenmähen (immer schön um das Trampolin herum!), jammernd an der Zapfsäule, im Einkaufsladen, vor der Urlaubsplanung. Vernunft ist kein Emblem, das sich einmal erarbeitet, tragen lässt. Vernunft ist tägliche Arbeit. Und, nein, quer gedacht, ist nicht zu Ende gedacht. Auch Narzissmus rettet keine Leben, am Ende nicht einmal dein eigenes – denn: wer mag schon Narzissten? Im Bunker ist kein Platz frei für sie.

Seid radikal zu euch, um uns zu retten.

Eine Kriegsgesellschaft ist immer radikal, ein Fehler in Gedanke und Tat kann tödlich sein. Living on the edge, auf Messersschneide leben, wurde uns abtrainiert. Quizfrage: Wer darf grimmig und klar aus der Wäsche schauen, ohne dass ihn Freunde oder Kolleginnen „mal zur Seite nehmen“?

Das untrainierte Heer erkennen wir in Kriegszeiten an ihrem unverbindlichen Lächeln.

Ist deshalb alles verloren? Wenn wir uns nicht am Riemen reißen, vielleicht. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg: Mutter Erde rüstet sich schon, bereit uns auszuspeien, zurückzuschicken in ihren Schlund. Fruchtbarer Dünger für den Regenwald, wenigstens das. Wollen wir das? Seid wachsam und edgy!

Die Kriegsgesellschaft gebiert: Nationen, Kinder, Tatkraft, Ehrlichkeit, Frugalismus. Und: den Moment.

Denn wer weiß, was morgen ist?

Krieg: Lähmung


Rennen wollen, aber nicht wissen wohin. Ausschalten wollen, aber nicht wissen, was sonst einschalten. Reden wollen, aber nicht wissen, worüber noch. Lesen wollen, aber nicht wissen, wie man die Gedanken einfängt. Schlafen wollen.

Helfen wollen, aber nicht wissen, wie.

(c) Anja Mutschler, 13.3.2022

Bild: Michael Mutschler, 2015, „Ein letztes Leben“, Acryl auf Leinwand

Coronatrain


(c) Anja Mutschler, 2021

Zugfahren, das war: Beide Hände frei, während man, nicht zu schnell und nicht zu langsam, der neuen Gegenwart entgegengondelt.

Fährt man lange, sieht man das Wetter.

Fährt man sehr lange, sieht man die Jahreszeiten.

„Oh, schau, hier blüht es schon /// noch.“

Man konnte keine Tankstelle verpassen; kein Fahrrad überholt einen von rechts, manchmal gabs sogar was leckeres im Bordrestaurant, und wenn man keine Lust auf eine Verabredung hatte, sagte man: „sorry, Verspätung!“. Glaubte einem jeder. Der Zug war der freundliche Begleiter der Postmoderne,

anything goes, and anywhere.

Man übte sich in zivilisatorischer Toleranz, die Banane links, der Gameboy rechts und natürlich DER SCHNARCHER, das waren die kleinen Reiseaufreger, die man erzählte, während man heiter seine zerknitterte Blusen auf den Bügel hing.

Ich etwa habe mich umgesehen, Gedichte geschrieben und (bisweilen) gearbeitet.

Jetzt haben wir Klimawandel

und

Pandemie.

Man soll Zug fahren wollen, will es aber gar nicht.

Wer in den Zug steigt, tut es nicht gern – selbst das Personal nicht, das einen neuen, ätzenden Zusatzjob bekommen hat: Maskenmahnend und nachweiskontrollierend rennen die Schaffnerinnen und Kontrolleure gestresst durch die immer schon zu engen Wagen,

in Habachtstellung vor dem nächsten agent provocateur

unter den Zug“gästen“.

Obwohl der Coronatrain Abstand verlangt, gibt es nun: Gestopfte Züge.

Der ganze Dampfer auf Schienen ist gestresst.

Die Kinder

schreien es heraus,

die Alten

grummeln es in sich hinein, und wir

in der Mitte des Lebens

drehen hektisch am Pegel der Resilienz

obwohl der längst auf Anschlag ist.

***

Wir rümpfen die Nasen hinter der Maske, weil jemand isst, hustet oder artistische Tricks vollführt, die Maske aufzuhaben, ohne sie aufzuhaben. Kein kluger Gedanke, der nur beim Fahren und Hinausschauen geboren werden kann. Rauflustige empören sich über

das freie Nasenloch des linken Nachbarn

oder halten

ihren Kolben

provokant in den Wind.

In der Enge des Abteils erkennen wir die Abgründe der anderen Seite. Es gibt jetzt immer eine andere Seite.

Corona ist Deutschlands Trump

(sorry Alice W.),

unser Brexit, unser Systembruch.

Wem heute nach neun Stunden Zugfahrt die Maske verrutscht, um die Luftzufuhr zu optimieren, muss aufpassen, dass er nicht plötzlich auf der falschen Seite steht.

Keine Liebe im System, so viel steht fest.

Stattdessen aufgestaute Prügelambitionen von allen Seiten, wehe, du liest die falsche Zeitung.

Oder du liest gar nicht!!!

Bei Spaziergängen, im Auto, auf dem Fahrrad lässt sich das Gegeneinander halbwegs ausblenden.

Beim Fliegen geben die Menschen schon beim Betreten des Flughafens einen Teil ihrer Menschenrechte ab. Zu enger Sitz, abenteuerliche Kost, Luftlöcher – alles ertragen wir, Masken und all das sind nur ein Paragraph mehr auf der Liste der Dos and Dont’s des Flugverkehrs.

Aber im Zug – da herrschte mal fröhliches Laissez-fair. Eine etwas rumpelige Anarchie in einem guten Verhältnis von Last und Lust. Der Kofferraum des Autos kombiniert mit dem Cockpit des Flugzeugs plus Oma Hildes Küchenstuhl (gepolstert).

Nun steigen die Preise

bei

abnehmender

Leistung.

Inflation!!

Und da die Coronakrise unter anderem auch eine

Transportkrise ist, eine

Lieferkettenkrise und eine

Energiekrise,

erhöht nicht nur der Supermarkt und die Deutsche Post, sondern auch die Deutsche Bahn ihre Preise.

Während wir dem Geld beim Zerrinnen zusehen, hängen wir noch in der Spirale steigender Ansprüche fest. Wenn wir schon den Komfort unseres Autos und die Geschwindigkeit des Flugzeugs aufgeben sollen, dann nur für einen

schnieken, stets pünktlichen Zug

(„sogar die Franzosen /// Chinesen schaffen das, von Japan /// Schweiz ganz zu schweigen!“).

Ach.

Im Weniger liegt die Macht. Die Erotik des Verzichts, endlich.

Die Kunst des Überlebens, wir hatten sie uns doch weggefuttert, steht aus dem Sarg der Großeltern auf. Den Weltuntergang im Nacken,

werfen wir uns in Schale:

G

l

i

t

z

er

nd: Hedonismus bis zum Sanktnimmerleinstag. Geschlecht egal, Hauptsache rinn.

In – eiserne – Rüstung: Hektische Seitwärtsbewegungen, in denen wir uns, siehe oben, gegenseitig anzischen oder mit vorwurfsvollen Laseraugen töten, fachfremd Depots einrichten und teure Immobilienwetten abschließen.

Mit Sturrrmhaube: Unter dem Schwachsinn der Parolen der Queren lauert, alt und schön, der gute alte Sozial-Darwinismus, gepreppert bis zum Anschlag.

Ge minus pu minus dert: Währenddessen the richest of the rich mal wieder nichts mitkriegen und sich, im Ernst jetzt?, auf den Mond /// Mars beamen.

Hilfe ist von nirgendwo zu erwarten. Amen.

Was also? Wir müssen selbst. Ran an die Selbstbehaglichkeit.

WAS also?

Wir halten fest:

Nachts, wenn Betrunkene, Spinner, Obdachlose, Abenteurer und prekäre Pendler in Zügen sitzen, ist es die Nacht,

wie sie IST da draußen.

Tags, wenn Pendler, Karrierestarter, Senioren, Familien und genervte Singles in Zügen sitzen, ist es der Tag,

wie er IST da draußen.

DIE Nacht und DER Tag sind, wie sie sind.

Es hat sich nichts verändert in den Zügen. Wir haben uns verändert. Wir sind der Zug. Der Zug sind wir.

Unser Gedächtnis und unsere Gegenwart. Unsere Möglichkeiten und unser Vermächtnis.

Unsere Gegenwehr und unsere Gegenwärtigkeit.

Unsere Schönheit und unser Schicksal.

Unser uns.

Wir.

Lösen uns auf.

Brain train is brain drain is brain train.

Brain train is brain drain is the brain train.

Brain train is brain drain is brain train.

Brain train is brain drain is the brain train.

Brain drain is the brain train is the brain drain.

Brain train is the brain drain is brain train.

The Brain train is the brain drain is the brain train.

Who knows?

***

„Ladies and Gentleman, in a few minutes we’re arriving at the next brain … train station: REALITY. Exit to the left or right. Please make sure you forget everything.“

Viva Sonambulia (ohne _)


___ Schlaf, ichlein, schlaf (tic, toc 2:31 Uhr)____

Söhne solln ambulant buhln

Buhl_, Sohn, Ambrosia

Ampelbulimie

Sonar am Busn

Bambusjulia

Bimbamboul_

Lust am Bo_s_n

Sna/mbuli_r_n

Lumba, bumba, ufftata

Blusnsohn

Boulatti oder Bu, Latt_

___ Mutta hüt die Schab‘ (ha ha, 2:46 Uhr)____

So n_ Ambulanz

Barsoda fu_r Barbara

Blumbuli_

Lisa an Simb/pl

Simpl about sun

but son oh sun

___ While Father is KILLING the tree (***, 2:59 Uhr) ____

Son ambi_nt_

Sohn ist ambival_nt

S für ein U

Sound of Blue

Blousson pour lui

Eeeeeeeeeee

___

Le jus du fleur *

Il m’entrâine dans la baie de la mort heureuse**

____ Les rêves se sont reveillés – et, voilà, finalement le fin avec un E!(…., 3:14 Uhr)*** ____

*[lit.: der Ambrosiensaft]

**[dringt in mich ein in der Bucht des glücklichen Todes]

*** [Die Träume sind erwacht – und, voilà, endlich das Ende – mit E!]

Pandemie-Tagebuch (1): In der Zeitspalte


Nein, ich bin nicht in Quarantäne. Home Office mache ich seit 3 Monaten durchgängig. Meine Kinder sind groß genug, mein berufliches Leben läuft nahezu normal weiter (bis auf das ausbleibende Neugeschäft). Meine Verwandtschaft und alle Freunde sind (noch) gesund. Es gibt also keinen offensichtlichen Grund für dieses Tagebuch. 

Eng und weit zugleich – meine Zeitspalte

Allerdings empfinde ich diese Zeit als extrem, vielleicht die extremste, die mir in meinem verwöhnten, friedensreichen, wohlstandsverwöhnten Dasein, in dem ich genug Momente zum Jammern, Klagen und mich selbst Bedauern gefunden habe, passiert ist.
Ich komme mir wie in zwei Hälften zerschnitten vor: Funktional, mich und meine Liebsten rettend-schützend, kurz vor der Panik, einerseits. Visionär, träumend, hoffend, entspannt wie selten auf der anderen Seite.

Gleichzeitig aus der Zeit gefallen und in eine Zeit hineingezwungen.

Ich sitze wie in einer Zeitspalte.

Wie ich hinein gekommen bin, weiß ich nicht. Ich bin unversehrt, habe aber wenig Spielraum.

Es ist eng und klamm da unten in der Zeitspalte, und mein Alltag kreist um die Grundverrichtungen des Lebens. Der Bewegungsradius ist stark eingeschränkt und ich hoffe, dass mein Rucksack mit allem Notwendigen ausgerüstet ist, raus komme ich wohl nicht mehr so schnell. Ich weiß, wann Tag und Nacht ist, aber – ehrlich, welcher Wochentag ist, habe ich vergessen. Alles durcheinander, anders, neu.

Über mir jedoch: der Kosmos. In die Weite zu blicken, ist immer ein erhabener Moment, egal, ob vom Berg, aus dem Flugzeug, Schiff oder am Strand. Dieser leichte Grusel, wenn ich den Gedanken zulasse, dass hinter dem Himmel das verdammte Weltall liegt – kaum auszuhalten. Von hier unten, von der bedrohlichen Enge, ist dieser Blick noch beeindruckender. Auch wenn der Himmel weit weg ist und ich nur Ausschnitte sehe – ich ahne die schiere Größe. Und so betrachte ich diesen Himmel, diesen Verweis zum Kosmos, in meiner Spalte sitzend, stundenlang, tagelang.  Ab und zu höre ich einen Hubschrauber kreisen. Vielleicht findet er mich. Wenn ich lange genug nach oben schaue, kann ich den Blick wechseln und von oben auf mich herab schauen, wie ich da sitze, etwas ängstlich und ratlos. Aber auch neugierig.

Extreme Gefühle

So fühle ich mich. Und so habe ich mich, meiner Erinnerung nach, noch nie gefühlt. Ich kenne Niedergeschlagenheit und Hochgefühl, Freude und Trauer, Glück und Unglück und diese minimale Spannbreiten der heiter bis wolkigen Zufriedenheit, nach der wir eine Studie nach alle streben (pffff). Nun aber: Die Enge, die einem ins Herz schlüpft und dann wieder die Weite, die neu zu denken möglich macht. Das gleichzeitig auszuhalten, finde ich extrem. Ich fühle es extrem, ja, selten bin ich, trotz mehr als ausreichender Informationen um mich, ein „wandelndes Gefühl“: bedroht und inspiriert, besorgt und hoffnungsvoll, innerlich und futuristisch.

Diese Furcht-Hoffnungs-Gleichzeitigkeit ist jede Sekunde da:

Während ich um meine Verwandten, Freunde und um uns als abstrakte „Gemeinschaft“ fürchte, während ich den kollektiven Burn-Out des medizinischen Personals (nach der Krise) fürchte und schlichtweg auch das exponentielle Wachstum von Sars-CoV-2, hoffe ich.

Und während ich mehr Nachdenklichkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität spüre und auf eine bessere Welt „nach dem Coronavirus“ hoffe, in der wir wieder wissen, dass Medien informieren, die Politik entscheidet und die Wissenschaft ein unverzichtbarer Bestandteil unseres menschlichen Fortschritts ist, fürchte ich.

Während ich diesen Artikel schreibe und mich vergesse, weil ich es einfach rattenscharf finde, wenn ich einen Artikel schreibe, frage ich mich, was wir eigentlich alle tun, wenn wir jetzt monatelang im Ausnahmezustand festsitzen.

Und während ich mir die Grausamkeit der exponentiellen Kurve vor Augen führe, die mich sehr gern in meiner Zeitspalte sitzen lässt, lausche ich der Ruhe vor meinem Fenster und freue mich, dass ich Vogelzwitschern hören kann – in der Innenstadt.

Tatsächlich empfinde ich die Hoffnung stärker als die Furcht. Tabula Rasa! So, jetzt noch mal von vorne! Haben wir neue Möglichkeiten?

Nach dem Entsetzen kommen die Möglichkeiten

Fast alle Gespräche, die ich führe, enden heiterer als vor der Coronakrise, obwohl es dazu überhaupt keinen Anlass gibt. Ich glaube auch nicht, dass das nur die „Reaktanz“ ist, also die Trotzreaktion auf eine (sehr krasse) ordnungspolitischen Realität. Ich glaube, dass es auch daran liegt, dass die laute, überdrehte und schräge Melodie, in der wir gleichzeitig global und nationalistisch, nachhaltig und hyperkapitalistisch, genderorientiert und chauvinistisch unterwegs waren, eine kaum auszuhaltende Kakophonie war, der wir uns machtlos gegenüber sahen.

Jetzt steht die Welt still. Und nach diesem „Freeze“ (so bezeichnen Krisenforscher den ersten Moment) funktionieren die Getriebe. Anders. Tastend. Langsamer.

Endlich.

Dürfen.

Wir.

Keine.

Ahnung.

Haben.

Alle ab in die Zeitspalte?

In der Wissenschaft ist es vollkommen normal, etwas (noch) nicht zu wissen, weil Informationen fehlen. Es war aber im digitalen Echtzeitalter bis dato absolut öde für die Berichterstattung, wenn einer sagte, dass „zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht abschließend …“. Lieber lief der Reporter zu einem dieser Menschen mit dem markigen Spruch (buttom line: Trump).

Es ist also beinahe revolutionär, wie wir lernen, mit einer Situation der Überforderung und des kollektiven Nichtwissens umzugehen – das hat in der Finanzkrise nicht funktioniert, in der Flüchtlingskrise nicht, selbst in der Klimakrise siegten die schrillen Töne. Aber jetzt: wir lernen auf die hören, die sich BESSER auskennen. Wir lernen, einfach mal zuhören. Und danach tatsächlich was gelernt haben. Es ist nun mal so, dass eine halbe Stunde Podcast mit Prof. Dr. Christian Drosten im NDR fast schon ausreichen, um zu wissen, wo wir gerade stehen. Und was wir (nicht) tun sollen. Das ist fantastisch! Wer mehr wissen möchte, bekommt übersichtlich und klar in allen gängigen Medien datenjournalistische und multimediale Geschichten geliefert, die nicht reißerisch, sondern unterhaltsam-informativ sind. Ich empfehle ausdrücklich auch amerikanische Medien (gerne mache ich eine Leseliste als Kommentar, wenn ihr wollt!).

Aber: Ich bin keine überarbeitete Medizinerin, ich habe 0 Infekte in meinem persönlichen Umfeld, ich habe keine finanziellen Nöte und bin charakterlich gesehen Optimistin. Ich bin mir auch sicher, dass wir die Ausgangssperre bekommen, weil der Fluchtreflex bei den meisten zu groß ist. Vor dem daheim. Und vielleicht dieser extremen Gefühlslage.

Es sollten aus meiner persönlichen Sicht also sehr viel mehr Leute in Zeitspalten gehen (ohne Netflix, wenns geht!). Um die Lage in den Griff zu bekommen – und uns.

Nun habe ich mich in Hoffnungs-Eifer geschrieben und lese, dass in Italien mehr Menschen gestorben sind als in China. Also: Ich bin selbst gespannt, wie ich diesen Eintrag in einigen Wochen empfinde – hellsichtig oder blauäugig.

Jetzt mache ich einen Abendspaziergang. Allein, versprochen. Aber mit Blick nach oben.

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Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Die Knattermöhre trägt mich durch blendend helle Gefrorenheit. Es ist Montag und ich fahre aus Leipzig nach Berlin. Die Bahn droht zu streiken, die Berliner S-Bahn tut es auf ihre Weise längst – so lasse ich mich von meinem grünen Ford auf einer fast leeren Autobahn gen Norden tragen. Dass ich dabei in umgekehrter Reihenfolge die Orte passiere, in denen ich gewohnt habe, wird mir erst klar, als ich am ersten vorbeirausche.

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