Auf einer Welle sitzt auch mal eine Katze


Die Katze isst Gulasch. Mein Gulasch, das auf dem Gartentisch stand, als das Telefon klingelte. Ich habe sie nicht eingeladen, aber nun ist sie da. Sie sieht mich an mit diesem typischen Katzengesicht, das gleichzeitig lächelt und verschlagen dreinblickt. Sie ist schwarz mit ein paar weißen Flecken. Als die Kinder heranstürmen, springt sie weg.

Der Teller ist blitzblank geschleckt, als ich mich abends an den Tisch setze, um nach der Gutenachtgeschichte eine Zigarette zu rauchen. Ich hätte ihn ohne Zögern neben das gespülte Geschirr in den Schrank stellen können, so sauber ist er. Ich sehe mich um, ob ich das Vieh irgendwo entdecke. Aber natürlich ist sie wie alle guten Katzen verschwunden, jetzt da sie satt ist. Es ist ein Frühsommerabend. Nur ab und an dringt Großstadtlärm durch die Mauern der Häuser. Sie bilden den Innenhof, auf dessen kleinstem Teil ich gerade sitze. Dass die Wohnung einen Garten hat, erschien mir damals so wichtig, als ich dieses Apartment mietete. Es war damals eine in alle Richtungen heilsame Phantasie von einem hübschen Blumenbeet und ein paar Tomaten samt Schaukel für die Kinder. Dass sich nicht alles ändere, trotz Rumpffamilie.

Die Katze, die auf dem Gartentisch sitzt, der auf einem vor sich hinwuchernden Stück Rasen steht, erinnern mich an diese Wehmut vergangener Tage. Ich fühle mich stark, aber die Katze und das irrwitzig saubere Geschirr bringen mich durcheinander. Der Garten, dieser kleinste Teil eines großen Hinterhofes, wächst und wird Versprechen. Würde ich nur die Katze, die den Duft und die Rohheit der Natur symbolisiert, bei mir lassen, in diesem Garten hineinlassen, so würden alle Wunden verheilen, ja es gebe sie nicht mehr, für immer, noch nicht einmal Schorf, alles und ich sei, wie ich nie gewesen bin, alles heil.

Lange sitze ich so da, und sie lässt sich kraulen von mir. Und schnurrt, das verführerische Tier. Als ich ins Bett gehe, lasse ich die Balkontür offen. Ich hoffe, dass die Katze für mich Fakten schafft: Wenn sie morgen neben mir im Bett liegt, darf sie bleiben; der Rest ergibt sich. Vor dem Einschlafen erinnere ich mich an einen Artikel, in dem stand, dass die Hälfte aller Frauen, die sich trennen wollen, Situationen schaffen, in denen der Mann schließlich eine Entscheidung trifft, die eigentlich ihre ist.

Am nächsten Morgen steht keine Katze im Zimmer, aber meine Kinder am Fenster: So sauber, Mama. Der Teller ist sauberer, als wenn DU ihn gespült hast, findest Du nicht, sagt mein Sohn. Pragmatisch. Wir könnten die Katze doch zum Spülen holen, dann hätten wir eine Spülkatze. Meine Tochter kreischt mit ihrem herrlichen kleinen Mündchen und zusammen springen sie auf mich und um mich und neben mich, immerzu singend: Spülkatze, wir wolln ne Spülkatze, die macht ne alte Fratze, die Spühülkatze, hihihi. Bald haben wir eine Spülmaschine, sage ich harscher als ich möchte und stehe auf. Beim Frühstück erzählt mir meine Tochter, dass sie von einer Katze geträumt hat. Sie kuschelt sich an mich, und ich spüre sie, unsere gemeinsame Seele, und es tut weh, sie von Träumen erzählen zu hören, auch wenn sie gut sind, aber das Gute träumt man nicht, das macht man.

Kriegen wir ne Katze, fragt sie mich, bevor sie in den Kindergarten geht. Das geht doch nicht, wir wohnen bald ohne Garten, sagt ihr Bruder. Pragmatisch. Ist mir egal, sagt sie und ich will sei küssen, aber die Vernunftheit des Lebens, ich winke zum Abschied und küsse in die Luft, es ist heiß.

Allerdings ist die Katze jeden Tag da. Meine Kinder stellen ihr sofort eine Schleckmilch, wie sie sagen, hin und mein Protest ist halbgar. Als ich eines Morgens die Balkontür öffne, sitzen drei maunzende Katzen da. Am nächsten Tag bringt sie ihre zwei Freunde wieder mit und sie sonnen sich auf meinem Gartentisch, zwischen den Zimmerpalmen, die draußen die Wärme genießen. Ich bin äußerst unfreundlich und ignoriere sie, aber sie liegt so beharrlich wie behaglich weiter auf meinem Gartentisch, als ob die Katzen-Sehnsucht sich sonnt, die Sehnsucht überhaupt, ich muss es unter dem Deckel zu halten, denn es hat ja keinen Sinn, sie schnurrt und maunzt, ich verschwinde, ein letzter Luftkuss, aber dann gehe ich wirklich und sie lächelt ihr verschlagenes, verführerisches Lächeln mir hinter her. Ich google, von wie weit oben Katzen nach unten springen könnten und ob es Stiegen für Wohnkatzen oberer Stockwerke gibt. Gibt es natürlich, es gibt alles heutzutage. Eine Katzenleiter zur Rumpffamilie. Der Gedanke gefällt mir, aber ich weiß nicht, wie ich sie mit zwei linken Händen und dieser Wehmut an ein Haus bauen soll, das mir nicht gehört. Abends lasse ich die Balkontür jetzt immer offen, aber manchmal schließe ich sie auch, das hängt von der Höhe der Welle ab, auf der ich liege, die Wellen, die mich hin und her beugen, seit fast zwei Jahren. Nachts träume ich davon, dass ich von Stränden träume und Katzen, die sich dort sonnen.

Zum Glück wirft eines Tages die Nachbarin ein halbes Hähnchen vom Balkon in meinen Garten. Diese Wut, wie ich ihr hinaufrufe, dass sie ja nicht mehr alle Tassen im Schrank habe. Sie entschuldigt sich sofort, das armes Weib.  Aber ich will nicht wissen, wie viele Mittagsreste schon in meinem Garten gelandet sind und diese Nachfolgen von Ratten, die sich Katzen schimpfen, haben es erst gegessen, bevor sie mir ums Bein gegangen sind.

Was los sei, wollen die Kinder wissen. Lasst uns an den Strand gehen, erwidere ich.

2 Gedanken zu “Auf einer Welle sitzt auch mal eine Katze

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