Dialoge II


Teil 2: Konzepte wie die Digitale Gesellschaft (in guter alter Bürgeriniativen-Tradition) stehen dem horror vacui der modernen Demokratie entgegen. Das Netz gilt als Chance  – für den Einzelnen, für Unternehmen, für die Politik. Das Mehrheitsprinzip siegt sozusagen in Echtzeit. Gleichzeitig ist man auch pragmatisch: Das Netz ist da, also bitte lasst es nicht einfach geschehen, sondern nutzt es. Vorreiter ist Sascha Lobo, dessen Ernennung zum S.P.O.N.-Kolumnisten der letzte Nachweis dafür ist, dass der Avatar im Internet ein realer Gegenspieler zum Ich geworden ist. Aber das Prinzip der digitalen Gesellschaft ist (in guter alter Bürgeriniativen-Tradition) kein bequemes: Nörgeln is nich. Bleib fair. Sei nicht klandestin. Versuch nicht, alles zu kontrollieren. Vertrau deinen Mitmenschen, sie sind nicht so schlimm, wie du denkst.

Spätestens beim letzten Satz wird der ureigene menschliche Instinkt auf die Probe gestellt: Vertrauen? In jemanden, den ich möglicherweise nur unter „blablax“ oder „Ludmilla3000“ kenne? Es kommt noch schlimmer: liquid democracy, das sich selbst (laut Wikipedia) als Mischung aus direkter und indirekter Demokratie versteht, will den Laden richtig aufmischen: Jeder wahlberechtigte Bürger kann bei (allen?) Entscheidungen, über die er sich im Vorfeld (umfassend?) informieren kann, mit abstimmen. Oder sein Stimmrecht übertragen. An eine Partei oder eine Einzelperson. Alles fließt – auch die Stimmen. Experten bestimmter Bereiche könnten Stimmen für Ihre Meinung gleichsam einfangen, die Parteien hätten in Echtzeit einen Überblick darüber, wie es um Ihre Wählergunst steht. Der intuitive Mensch wäre derjenige, der Politik macht. Eine ausgereifte (!) Software würde alle zu den einzelnen Entscheidungen abgegebenen und delegierten Stimmen richtig (!) ausrechnen, die Demokratie wäre wieder das, was sie mal war: ein demos, das kratéin: herrscht.

Meinen sarkastischen Unterton möge man mir verzeihen, denn er ist durchaus liebevoll (wie man mit Utopien in der Regel umzugehen pflegt, denn mehr als das ist es – Verzeihung – derzeit wohl kaum). Ich mache das jetzt einmal spielerisch in einem Dialog. Der Idealist (dazu ein andermal) und der Realist (ebd.) streiten sich (jetzt fließt alles – auch das Schreiben):

Idealist und Realist streiten. (c) Michael Mutschler, 2011

Idealist und Realist streiten. (c) Michael Mutschler, 2011

Realist: Keiner will und keiner kann alles wissen. Der seelige Schleier des Nichtwissens, John Rawls, du weißt schon … Idealist: Es sagt ja auch keiner, dass alle alles wissen müssen. Delegier deine Stimme, wenn es dich nicht interessiert. Und misch dich ein, wenn es dich interessiert.  1:0 für den Idealisten.
Realist: Du setzt voraus, dass alle so gut mit dem Computer umgehen können wie du. Das ist nicht nur falsch, sondern auch nicht möglich. Idealist (ganz locker): Schaff mir die Zugänge, ich beschaff dir die Technik, dass jeder es verstehen kann. Unentschieden. Sieht von außen unmöglich aus, aber das war das Internet vor 20 Jahren ja auch.
Realist: Entweder wir haben permanenten Wahlkampf oder die Sache schläft ein, weil jeder alles delegiert. Wir sind doch keine Berufspolitiker. Und die Dauerbeschallung, das hält doch keiner aus. Idealist: Würdest du dir nicht auch manchmal wünschen, dich in Sachen einmischen zu können, über die du verdammt noch mal mehr weißt als der Onkel vor dem Mikro? Realist: Na ja … 2:0 für den Idealisten.
Realist: Aber trotzdem: Sag mir wann und wie? Das ist schließlich kein Ministaat hier. Sondern ein nach komplexen Mustern funktionierender Sozialstaat, der auf gewisse Weise abstrakt bleiben muss, damit wir uns nicht alle den Schädel einschlagen. Idealist: Wir teilen die Entscheidungen ja auch auf. Du musst – das hab ich ja schon gesagt – nicht zu allem eine Meinung haben. Und vielleicht lohnt es sich auch, das Ganze mal grundsätzlich zu überprüfen? Zwei Sonderpunkte für den Realisten 2:2 – wegen des „grundsätzlich“.

Realist: Außerdem wird das technisch niemals funktionieren. Es ist doch schwer genug, alle 4 Jahre Stimmen auszuzählen. Wie soll dann bitteschön tagtäglich die Meinung von rund 62 Millionen Wahlberechtigten richtig ausgezählt werden? Die Hälfte der Leute ist doch mit Bugs beschäftigt. Idealist (ruhig): Das lass mal unsere Sorge sein. Außerdem wette ich mit dir, dass 90 Prozent ihre Stimme eh an die Partei delegieren, die sie sonst auch gewählt hätten. 3:2 für den Realisten.

Realist (sich entfernend): Ja, und wozu dann der Aufwand??? – Idealist reißt sich alle Haare aus und frisst sein T-Shirt: SO LANGE, BIS DIE SOFTWARE LÄUFT, MEIN ICH, DU IDIOT!

Sie sehen, meine Damen und Herren – es ist noch vieles ungeklärt. Aber ich muss sagen, Charme hat sie, diese Idee.

Es grüßt Sie freundlich,

Ihre

Anja Mutschler

2 Gedanken zu “Dialoge II

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