Coronatrain


(c) Anja Mutschler, 2021

Zugfahren, das war: Beide Hände frei, während man, nicht zu schnell und nicht zu langsam, der neuen Gegenwart entgegengondelt.

Fährt man lange, sieht man das Wetter.

Fährt man sehr lange, sieht man die Jahreszeiten.

„Oh, schau, hier blüht es schon /// noch.“

Man konnte keine Tankstelle verpassen; kein Fahrrad überholt einen von rechts, manchmal gabs sogar was leckeres im Bordrestaurant, und wenn man keine Lust auf eine Verabredung hatte, sagte man: „sorry, Verspätung!“. Glaubte einem jeder. Der Zug war der freundliche Begleiter der Postmoderne,

anything goes, and anywhere.

Man übte sich in zivilisatorischer Toleranz, die Banane links, der Gameboy rechts und natürlich DER SCHNARCHER, das waren die kleinen Reiseaufreger, die man erzählte, während man heiter seine zerknitterte Blusen auf den Bügel hing.

Ich etwa habe mich umgesehen, Gedichte geschrieben und (bisweilen) gearbeitet.

Jetzt haben wir Klimawandel

und

Pandemie.

Man soll Zug fahren wollen, will es aber gar nicht.

Wer in den Zug steigt, tut es nicht gern – selbst das Personal nicht, das einen neuen, ätzenden Zusatzjob bekommen hat: Maskenmahnend und nachweiskontrollierend rennen die Schaffnerinnen und Kontrolleure gestresst durch die immer schon zu engen Wagen,

in Habachtstellung vor dem nächsten agent provocateur

unter den Zug“gästen“.

Obwohl der Coronatrain Abstand verlangt, gibt es nun: Gestopfte Züge.

Der ganze Dampfer auf Schienen ist gestresst.

Die Kinder

schreien es heraus,

die Alten

grummeln es in sich hinein, und wir

in der Mitte des Lebens

drehen hektisch am Pegel der Resilienz

obwohl der längst auf Anschlag ist.

***

Wir rümpfen die Nasen hinter der Maske, weil jemand isst, hustet oder artistische Tricks vollführt, die Maske aufzuhaben, ohne sie aufzuhaben. Kein kluger Gedanke, der nur beim Fahren und Hinausschauen geboren werden kann. Rauflustige empören sich über

das freie Nasenloch des linken Nachbarn

oder halten

ihren Kolben

provokant in den Wind.

In der Enge des Abteils erkennen wir die Abgründe der anderen Seite. Es gibt jetzt immer eine andere Seite.

Corona ist Deutschlands Trump

(sorry Alice W.),

unser Brexit, unser Systembruch.

Wem heute nach neun Stunden Zugfahrt die Maske verrutscht, um die Luftzufuhr zu optimieren, muss aufpassen, dass er nicht plötzlich auf der falschen Seite steht.

Keine Liebe im System, so viel steht fest.

Stattdessen aufgestaute Prügelambitionen von allen Seiten, wehe, du liest die falsche Zeitung.

Oder du liest gar nicht!!!

Bei Spaziergängen, im Auto, auf dem Fahrrad lässt sich das Gegeneinander halbwegs ausblenden.

Beim Fliegen geben die Menschen schon beim Betreten des Flughafens einen Teil ihrer Menschenrechte ab. Zu enger Sitz, abenteuerliche Kost, Luftlöcher – alles ertragen wir, Masken und all das sind nur ein Paragraph mehr auf der Liste der Dos and Dont’s des Flugverkehrs.

Aber im Zug – da herrschte mal fröhliches Laissez-fair. Eine etwas rumpelige Anarchie in einem guten Verhältnis von Last und Lust. Der Kofferraum des Autos kombiniert mit dem Cockpit des Flugzeugs plus Oma Hildes Küchenstuhl (gepolstert).

Nun steigen die Preise

bei

abnehmender

Leistung.

Inflation!!

Und da die Coronakrise unter anderem auch eine

Transportkrise ist, eine

Lieferkettenkrise und eine

Energiekrise,

erhöht nicht nur der Supermarkt und die Deutsche Post, sondern auch die Deutsche Bahn ihre Preise.

Während wir dem Geld beim Zerrinnen zusehen, hängen wir noch in der Spirale steigender Ansprüche fest. Wenn wir schon den Komfort unseres Autos und die Geschwindigkeit des Flugzeugs aufgeben sollen, dann nur für einen

schnieken, stets pünktlichen Zug

(„sogar die Franzosen /// Chinesen schaffen das, von Japan /// Schweiz ganz zu schweigen!“).

Ach.

Im Weniger liegt die Macht. Die Erotik des Verzichts, endlich.

Die Kunst des Überlebens, wir hatten sie uns doch weggefuttert, steht aus dem Sarg der Großeltern auf. Den Weltuntergang im Nacken,

werfen wir uns in Schale:

G

l

i

t

z

er

nd: Hedonismus bis zum Sanktnimmerleinstag. Geschlecht egal, Hauptsache rinn.

In – eiserne – Rüstung: Hektische Seitwärtsbewegungen, in denen wir uns, siehe oben, gegenseitig anzischen oder mit vorwurfsvollen Laseraugen töten, fachfremd Depots einrichten und teure Immobilienwetten abschließen.

Mit Sturrrmhaube: Unter dem Schwachsinn der Parolen der Queren lauert, alt und schön, der gute alte Sozial-Darwinismus, gepreppert bis zum Anschlag.

Ge minus pu minus dert: Währenddessen the richest of the rich mal wieder nichts mitkriegen und sich, im Ernst jetzt?, auf den Mond /// Mars beamen.

Hilfe ist von nirgendwo zu erwarten. Amen.

Was also? Wir müssen selbst. Ran an die Selbstbehaglichkeit.

WAS also?

Wir halten fest:

Nachts, wenn Betrunkene, Spinner, Obdachlose, Abenteurer und prekäre Pendler in Zügen sitzen, ist es die Nacht,

wie sie IST da draußen.

Tags, wenn Pendler, Karrierestarter, Senioren, Familien und genervte Singles in Zügen sitzen, ist es der Tag,

wie er IST da draußen.

DIE Nacht und DER Tag sind, wie sie sind.

Es hat sich nichts verändert in den Zügen. Wir haben uns verändert. Wir sind der Zug. Der Zug sind wir.

Unser Gedächtnis und unsere Gegenwart. Unsere Möglichkeiten und unser Vermächtnis.

Unsere Gegenwehr und unsere Gegenwärtigkeit.

Unsere Schönheit und unser Schicksal.

Unser uns.

Wir.

Lösen uns auf.

Brain train is brain drain is brain train.

Brain train is brain drain is the brain train.

Brain train is brain drain is brain train.

Brain train is brain drain is the brain train.

Brain drain is the brain train is the brain drain.

Brain train is the brain drain is brain train.

The Brain train is the brain drain is the brain train.

Who knows?

***

„Ladies and Gentleman, in a few minutes we’re arriving at the next brain … train station: REALITY. Exit to the left or right. Please make sure you forget everything.“

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