War Goethe je im Ruhrgebiet?


Sich über den Bahnhof Köthen aufzuregen, ist nicht besonders originell. Sich über den Bahnhof Köthen aufzuregen, weil er dem Vorurteil – im Osten sei alles grau und schmutzig – vorbildlich entspricht, erscheint  anbiedernd sympathisch: Der Ossi wird geliebt, der Distanz zu seiner Heimat beweist. Is doch so, nä?

Indes ist eine neuerdings bekennende Schwäbin solcher Anpassungen eher unverdächtig.
Andere Aufregungen passen eher zu ihr: Ihre schon drei Wochen währende Erregung über die (verbalen) Spirenzen beim AKW-Thema, die sich bei weiterer Lektüre im Zug verfestigt (Haben wir nun schon den Super-Gau oder reden wir nur von einer Atomkatastrophe?).  Ihre Müdigkeit, als sie feststellt, dass mal wieder eine erfahrene Telefonistin im Abteil ist, die ihrem Freund gerade die Geschichte vom Freund ihrer Freundin ihrem Freund erzählt. Ihre Nervosität, ein Zwischenlösungs-Handy dazu zu verführen, eine wirklich wichtige Mail abzuschicken (Wie konnte die Welt je ohne Touchpad existieren?).
Dagegen ist es völlig abwegig, ihr zu unterstellen, nach zehn Jahren Leben im Osten hätten sich die Gewichte verschoben, und sie sei plötzlich identitätsmäßig mehr dauerbeleidigt Ost als nervig West. Was, siehe oben, die Köthen-Depression hinreichend erklären würde.

Die beste PR geschieht unbemerkt: aus Überzeugung. Sollte das stimmen, ist die Dame, die natürlich ich bin, im Laufe der letzten Dekade eine penetrante PR-Maschine des Ostens geworden. Je nach Publikum stelle ich „Ostdeutschland“ – einen Begriff, den ich sogleich korrigiere – als wild, schön, mit kulturellen Glanzlichtern versehen, als aufstrebend, gut saniert oder einfach als nett dar. Ich merke das gar nicht. Es geschieht automatisch. Ich kenne alle Vorurteile über die Ossis und habe verschiedene Strategien, das Gegenüber je nach Verfasstheit zu düpieren, zu umschmeicheln, sanft auf den richtigen Weg zu führen. Oder einfach mundtot zu  machen. Beispiel: Ja, die neuen Straßen braucht doch eh keiner, da. Bei uns hier bröckelts und da … Gegenfrage: Wären die Straßen dort schlecht, würde das die Wahrscheinlichkeit für Sie erhöhen, einmal dort hinzufahren? Dann kann der andere natürlich nur noch sagen: Ich will da überhaupt nicht hinfahren. Was er erfahrungsgemäß nie sagt. Gerade, wenn es wahr ist.

Meine Eltern haben mich 2007 in meiner experimentellen Phase besucht, als ich auf dem Dorf nahe Bitterfeld wohnte (der Blogleser weiß schon mehr, alle anderen erfahren bei Unanstand oder Rückwärts mehr). Wir fuhren eines Tages nach Zerbst /Anhalt. Zerbst liegt westlich von Dessau, das wiederum eine Stunde südlich von Berlin liegt. In Zerbst hat mein Großvater sein Referendariat gemacht. Als Kunstlehrer. Und Goethe war mal hier. Was meinen Großvater (und natürlich auch Goethe) angeht, so war er vor dem Zweiten Weltkrieg. Ein Teil der Erklärung dafür, warum wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können, warum er ein Leben lang von Zerbst geschwärmt hat, als wir durch diese graue, reizarme, eben sichtbar wiederaufgebaute Stadt gehen. Gut, es regnet. Gut, es ist Oktober. Gut, es hat nur 8 Grad. Aber meine Mutter, die noch nie in ihrem Leben im Osten gewesen ist (und danach auch nie wiederkommen würde), wird sehr blass. Nichts könnte weiter entfernt vom Ländle sein als Zerbst. Erst laufen wir durch die osttypische Plattenbausiedlung im Zentrum der Stadt. Die wirkt vielleicht in Dresden noch interessant. In Städten wie Zerbst, Köthen, Dessau, Lichtenfels und Chemnitz bewirkt die architecture triste lediglich, dass das (Ab-)Sterben eines Ortes mitten ins Zentrum des Geschehens gerückt ist. Da hilft ein sanierter Kirchturm auch nicht. Natürlich ist  nichts los. Wenn wir jemanden sehen, ist er schlecht angezogen (meine Mutter war immer adrett). Manchmal trägt er eine Glatze, auf die es regnet. Wir bleiben zwei Stunden, gegen unsere sonstige Gewohnheit kehren wir nirgends ein. Das war tiefste Punkt meines Lebens als der PR-Maschine des Ostens.

Köthen heute, an diesem halb gelungenen Tag, scheint zum zweiten Tiefpunkt dieser Karriere werden zu wollen. Ich komme mir vor wie ein verärgertes Elternteil, das seinen Sprössling beschimpft, weil er seine Qualitäten hinter schundiger Ausstrahlung versteckt. Köthen: Bachstadt. Köthen: Stadt der Homöopathie. Ist das so schwierig, diese Pfunde in Willkommensfreude an einem Fernbahnhof zu, ja, transformieren? Ich bin unfair, und das liegt natürlich auch daran, dass ich den Bahnhof Köthen heute aus den Augen eines, sagen wir aus Düsseldorf Anreisenden sehe. Halb Deutschland fährt durch diesen Ort, wenn es nach Leipzig will, versteige ich mich plötzlich. Die Telefonistin hebt kurz die Augenbraue, als ich – offenbar knurrend – aus dem Fenster starre.

In Magdeburg beschaut sich ein Penner sein zermürbtes Gebiss. In jenem Zugfenster, hinter dem ich sitze. Ich kann ihm direkt in den Mund schauen. Die gesamte Front fehlt. Er bleckt sie sich trotzdem mit den Zähnen. Ich bekomme einen hysterischen Lachkrampf, als ich es einem am Telefon erzähle. Das Kind vor mir lacht mit, bis die Mutter es rügt, weil das Baby davon aufwachen könnte.

Wir fahren durch Braunschweig. Stadt der Wissenschaft steht in großen Lettern da. Volle Bahnsteige. Mir fallen zu viele Leute ein, die mir erzählen, dass sie immer froh / deprimiert sind, wenn sie über diese Grenzen fahren.Ich ignoriere Braunschweig so gut es geht und fahre mittelmäßig gelaunt bis Hannover. Der Schaffner bescheidet den Umsteigern kurz vor Halt, in diesem Zug sitzen zu bleiben. Der fragliche ICE sei verspätet, der IC schneller am Zielort Köln. Ich seufze. Die Liste der IC-Haltestellen bis dort ist lang. Der Zug quillt über von Auf-den-verspäteten-ICE-Wartenden und Neu-in-den-Zug-Einsteigern, die die Plätze der In-einen-nicht-verspäteten-ICE-Umsteiger einnehmen möchten. Ein Schaffner pickt besonders Bedürftige von den Fluren heraus, was nicht nur zu Freude führt (Seh ich etwa so alt aus? Ich kann noch sehr gut stehen!). Die Telefonistin geht in die fünfte Stunde mit ihrem Freund, jetzt steht sie, da ihr Platz reserviert ist, direkt hinter mir. Es ist voll. Es ist heiß. Ich sehne mich nach dem halbleeren Zug im Osten zurück. Wir fahren durch Bielefeld, wir fahren durch Gütersloh, wir fahren durch Hamm, wo die Dame mit dem Mobiltelefon endlich aussteigt.

Wir fahren durch Hamm, und es wird trist. Es dauert ein wenig, aber als ich die mir hinlänglich, aber nicht freiwillig bekannte Reichsflagge wehen sehe, irgendwo zwischen Hamm und Dortmund und, äh, Hagen?, fällt mir ein Stein vom Herzen, dass ich einige deprimierende Statistiken über diesen Teil des Westens gelesen habe. Nachdem ich sie gelesen hatte, wusste ich, wo ich auf keinen Fall wohnen werde. So passiere ich das Ruhrgebiet in seinem Rücken und denke, dass doch mehr zusammengehört, als man denkt.

Nachtrag: Einige Tage später finde ich meine Reaktion ziemlich übertrieben und revanchistisch. Längst von der Wirklichkeit überholt, der Zwang, immer noch in der Kategorie gesamtdeutsch zu denken. Ganz besonders beim Zugfahren, wie nun jeder weiß. Ich werde über Frankfurt zurückfahren. Vom Süden aus fährt man in den Osten hinein, wie er wirklich ist: Schön und wild und mit kulturellen Glanzlichtern versehen. Aber ob Goethe je im Ruhrgebiet war, schlage ich noch nach.

Unanstand



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Mir gegenüber sitzt ein Pärchen mit Hund. Der Mann trägt seinen Schopf, wie hier üblich, sehr kurz. Die Haare der Frau hingegen sind lang und schwarz, was mich hoffen lässt.

Ihr nicht uncharmant zwischen Jugend und Reife oszillierendes Gesicht erinnert mich an jemanden. Jemanden aus einer längst verblichenen Zeit, einer Zeit, die mir im Nachhinein als Aneinanderreihung von Nächten erscheint, in entweder stickigen, brüllend lauten, zugleich knisternden, auf jeden Fall jedoch halbdunklen Räumen, oder entlanglaufend an Flüssen, flüsternd oder schon nicht mehr flüsternd; auf alle Fälle waren es immer verheißungsvolle Nächte gewesen, an die mich die Frau an diesem unauffälligen Dienstagmorgen erinnert. Während der Zug unvermindert vorwärts rattert, laufen meine Gedanken rückwärts, und ich folge ihnen, mit halbem Widerstand, denn sie sind gefährlich für mein Gleichgewicht.

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Rückwärts


Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Die Knattermöhre trägt mich durch blendend helle Gefrorenheit. Es ist Montag und ich fahre aus Leipzig nach Berlin. Die Bahn droht zu streiken, die Berliner S-Bahn tut es auf ihre Weise längst – so lasse ich mich von meinem grünen Ford auf einer fast leeren Autobahn gen Norden tragen. Dass ich dabei in umgekehrter Reihenfolge die Orte passiere, in denen ich gewohnt habe, wird mir erst klar, als ich am ersten vorbeirausche.

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Ich wünschte, Peter Høeg hätte das geschrieben


Die Debatte zur Frauenquote. Ein Kammerstück.

Stabwechsel. (c) Michael Mutschler, 2011

Stabwechsel. (c) Michael Mutschler, 2011

Es treten auf:

  • Die Frau, die kann, aber nicht will (Frau Willnicht, aka: Will-Nicht).
  • Der Mann, der will, aber nicht kann (Herr Kannicht).
  • Der Mann, der nicht kann, aber darf (Herr Wieesheutesoläuft).
  • Die Frau, die können wollen würde, wenn sie dürfte (Frau Wieesheutesoläuft).
  • Die Frau, die neuerdings darf, obwohl keiner das will (Frau Quote).

Ferner:

  • Fachkräftearme Vorstandsvorsitzende.
  • Und Artemis.

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Gehn wie ein Ägypter


Schuhe. (c) Michael Mutschler, 2011

Schuhe. (c) Michael Mutschler, 2011

Egypt must be free

Als es in Ägypten begann, habe ich, nicht nur, weil eine befreundete Familie dort wohnt, zum ersten Mal seit langem eine unverhüllte Begeisterung über ein politisches Ereignis entwickelt. Ich lebe seither im schwindeligen Gefühl, einer bedeutsamen politischen Wende beizuwohnen. Vielleicht, weil ich mich an 1989 nur bruchstückhaft erinnere: aufgeregte Verwandte, rotbackige Geschichtslehrer, unverschämt viel Fernsehzeit und nicht zuletzt meine kindliche Erleichterung, dass „die da drüben“ jetzt endlich Urlaub „in Italien machen dürfen“. Berechtigte Einwürfe, eine schwankende arabische Welt könne am Ende nachteilig für alle sein und die Region jahrelang in Unruhen stürzen, gehen unter im Jubel der Demokratin. Ich lese atmosphärische Artikel wie den von Khaled Alkamissi in der Frankfurter Rundschau und überlege, ob man sagen darf, dass die Facebook-Generation einen informierteren Eindruck macht als die politische Garde auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

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Fußnote


Wie einige gesehen haben, ist mein Blog nun auch illustriert. Konkret der Rabenpost von gestern, Dialoge II und der Beitrag Schweigen I. Das war mein Vater, und ich habe mich sehr gefreut! Wer weitere Photos oder Illustrationen hat, die die Seite und Artikel verschönern, melde sich gern! Auch freue ich mich über Gastbeiträge.

Einen schönen Tag wünscht

Anja Mutschler

Der Rabe hackt am Panzer …



Raben. (c) Michael Mutschler, 2011

Raben. (c) Michael Mutschler, 2011

Eine analytische Haltung ist etwas wunderbares. Sie kontrolliert ein Ich, das ständig überschäumen möchte, sie biegt es zurecht für den sozialen Gebrauch und verleiht Autorität, wo vielleicht nur Hilflosigkeit wäre. Sie ordnet, gibt den Dingen Struktur und verleiht Selbstkontrolle. Eine analytische Haltung ist das Gegenteil zu der assoziativen, die Peter Wawerzinek in seinem Buch Rabenliebe perfektioniert hat, und die kein Stein auf dem anderen lässt.

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Kl. Montagmorgengymn.


Während mein Artikel dem neuerdings unpopulären Fleisch gleich abhängt, vulgo: ausblutet (und dabei von der Wirklichkeit überholt wird), ein paar Empfehlungen von meinem Zettelberg: „Die Freiheit ist unberechenbar, es gibt keine Garantien, und man muss auch noch alles selber machen. Ein mieser Service.“ Keine Twitterperle. Ein Zitat. Gefunden in Grenzbereiche in der Januar-Ausgabe von brand eins. Geschrieben von Wolf Lotter. Der Artikel kam dem Stil des ZEIT-Heftes zum Fehlermachen in Witz und Erkenntnis recht nah. Wer das Magazin von Dezember 2010 nicht hat, kann auf Zeit Online wenigstens ein paar Perlen nachlesen. Wobei die hohe Kunst des Blattmachens, die Olga Mannheimer und Gil Bachrach da an den Tag legten, unbedingt in Print zu genießen ist.

Überhaupt: Ist es möglich, dass Print kaufen nicht mehr nur bedeutet, verspätet Online-Nachrichten zu ergattern? Sondern Detailliebe, Freiräume, graphisch und redaktionell nachhaltige Konzepte? Querköpfiges gar? Das wär was. Einige Anzeichen sprechen dafür (allesamt gedruckt). Liste ich beizeiten mal auf.

Dafür beginne ich genau jetzt, bar jeder Vollständigkeit, mit der Rubrik Sprachakrobaten, Querkopfschreiber. Heute: ++ Jochen Schmidt – QKS auch: Querkopfredner. Ein Favorit: Zehn Minuten Zeit. Auf Voland & Quist findet ihr noch mehr – zu lesen, hören oder kaufen. Oder gleich auf die Homepage des Autors gehen. Dafür sollte man sich unbedingt mehr als zehn Minuten Zeit nehmen, denn eine seiner Spezialitäten ist das Lesen von Klassikern. Proust, jetzt Luhmann. Lakonisch, meisterhaft, Berlin. ++ Lars Ruppel – Querkopfredner mit telegener Ausstrahlung. So schnell war Lyrik nie! Bread Pitt ist ebenso unvergessen wie der Wal. Als Slammer ein Live-Artist. Unglaublich jung. Unglaublich charismatisch. Irgendwo bei mir steht auch die Larubel-Trilogie von ihm im Regal. Irgendwo, da, ja, bei Eichendorff, neben Goethe, da muss es sein … Mitlachen hört ihr mich übrigens hier: Der Traum der Raupe (Leipziger Buchmesse 2010) ++ Die Missfits. Leider 2005 von der Bühne runter. Schade, oder? Trostweise Feminispräch oder Schweine (ha!) +++ Habe übrigens spaßeshalber mal Querdenkerin, Autorin gegoogelt. Der erste Treffer war ein Mann. ++

 

(c) Anja Mutschler