Ermächtigung – warum ich Gauck-Fan bin


1971 stellte Joseph Beuys für eine seiner politischen Kunstaktionen 10.000 Plastiktüten her, auf denen er Demokratie und Parteienstaat miteinander verglich.

(c) Foto: Dr. Heinz Schmidt-Bachem Andreas Waidosch auf einestages.spiegel.de (Kulturgut Plastiktüte: "Die Abschlepphilfe".)

Von mir selbst habe ich immer behauptet, ein freiheitlich denkender Mensch zu sein. Jemand, der gegen Bevormundung, aber auch für Selbstverantwortung einsteht. Ich habe trotzdem nie die FDP gewählt, ehrlich gesagt, bin ich auch nie auf den Gedanken gekommen. Und das liegt nicht nur am Personal. Ich hatte in letzter Zeit auch angefangen, mich damit auseinanderzusetzen, ob ich eines Tages nicht mehr werde wählen gehen können. Für eine Politikwissenschaftlerin ein starkes Stück und ehrlich gesagt, habe ich mich ziemlich vor dem Moment gefürchtet, da ich mir eingestehen würde, dass meine Beuys-Plastiktüte aktueller ist, als mir lieb ist (s.o.).

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LoF: 6 months later



Mein diesjähriger Weihnachtshit von der Compilation „About Christmas“, erschienen bei DevilDuck.

Facebook ist der Geliebte. Ist es vorbei, hört man nicht auf, sich für ihn zu interessieren. Man interpretiert die Informationen über den Verflossenen lediglich anders. Man liest und hört alles, was man zu ihm in die Hände kriegt. Ignoriert mit Macht jede Sentimentalität. Schürzt stattdessen verächtlich die Lippen oder murmelt mit fester Stimme: „Jaja! Wusst ichs doch.“ Hat einer, den man mag, was auf Facebook gelesen und er erzählt einem davon, strafft man die Schultern und man erzählt die Geschichte des Entkommen-Seins:

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Auf einer Welle sitzt auch mal eine Katze


Die Katze isst Gulasch. Mein Gulasch, das auf dem Gartentisch stand, als das Telefon klingelte. Ich habe sie nicht eingeladen, aber nun ist sie da. Sie sieht mich an mit diesem typischen Katzengesicht, das gleichzeitig lächelt und verschlagen dreinblickt. Sie ist schwarz mit ein paar weißen Flecken. Als die Kinder heranstürmen, springt sie weg.

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War Goethe je im Ruhrgebiet?


Sich über den Bahnhof Köthen aufzuregen, ist nicht besonders originell. Sich über den Bahnhof Köthen aufzuregen, weil er dem Vorurteil – im Osten sei alles grau und schmutzig – vorbildlich entspricht, erscheint  anbiedernd sympathisch: Der Ossi wird geliebt, der Distanz zu seiner Heimat beweist. Is doch so, nä?

Indes ist eine neuerdings bekennende Schwäbin solcher Anpassungen eher unverdächtig.
Andere Aufregungen passen eher zu ihr: Ihre schon drei Wochen währende Erregung über die (verbalen) Spirenzen beim AKW-Thema, die sich bei weiterer Lektüre im Zug verfestigt (Haben wir nun schon den Super-Gau oder reden wir nur von einer Atomkatastrophe?).  Ihre Müdigkeit, als sie feststellt, dass mal wieder eine erfahrene Telefonistin im Abteil ist, die ihrem Freund gerade die Geschichte vom Freund ihrer Freundin ihrem Freund erzählt. Ihre Nervosität, ein Zwischenlösungs-Handy dazu zu verführen, eine wirklich wichtige Mail abzuschicken (Wie konnte die Welt je ohne Touchpad existieren?).
Dagegen ist es völlig abwegig, ihr zu unterstellen, nach zehn Jahren Leben im Osten hätten sich die Gewichte verschoben, und sie sei plötzlich identitätsmäßig mehr dauerbeleidigt Ost als nervig West. Was, siehe oben, die Köthen-Depression hinreichend erklären würde.

Die beste PR geschieht unbemerkt: aus Überzeugung. Sollte das stimmen, ist die Dame, die natürlich ich bin, im Laufe der letzten Dekade eine penetrante PR-Maschine des Ostens geworden. Je nach Publikum stelle ich „Ostdeutschland“ – einen Begriff, den ich sogleich korrigiere – als wild, schön, mit kulturellen Glanzlichtern versehen, als aufstrebend, gut saniert oder einfach als nett dar. Ich merke das gar nicht. Es geschieht automatisch. Ich kenne alle Vorurteile über die Ossis und habe verschiedene Strategien, das Gegenüber je nach Verfasstheit zu düpieren, zu umschmeicheln, sanft auf den richtigen Weg zu führen. Oder einfach mundtot zu  machen. Beispiel: Ja, die neuen Straßen braucht doch eh keiner, da. Bei uns hier bröckelts und da … Gegenfrage: Wären die Straßen dort schlecht, würde das die Wahrscheinlichkeit für Sie erhöhen, einmal dort hinzufahren? Dann kann der andere natürlich nur noch sagen: Ich will da überhaupt nicht hinfahren. Was er erfahrungsgemäß nie sagt. Gerade, wenn es wahr ist.

Meine Eltern haben mich 2007 in meiner experimentellen Phase besucht, als ich auf dem Dorf nahe Bitterfeld wohnte (der Blogleser weiß schon mehr, alle anderen erfahren bei Unanstand oder Rückwärts mehr). Wir fuhren eines Tages nach Zerbst /Anhalt. Zerbst liegt westlich von Dessau, das wiederum eine Stunde südlich von Berlin liegt. In Zerbst hat mein Großvater sein Referendariat gemacht. Als Kunstlehrer. Und Goethe war mal hier. Was meinen Großvater (und natürlich auch Goethe) angeht, so war er vor dem Zweiten Weltkrieg. Ein Teil der Erklärung dafür, warum wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können, warum er ein Leben lang von Zerbst geschwärmt hat, als wir durch diese graue, reizarme, eben sichtbar wiederaufgebaute Stadt gehen. Gut, es regnet. Gut, es ist Oktober. Gut, es hat nur 8 Grad. Aber meine Mutter, die noch nie in ihrem Leben im Osten gewesen ist (und danach auch nie wiederkommen würde), wird sehr blass. Nichts könnte weiter entfernt vom Ländle sein als Zerbst. Erst laufen wir durch die osttypische Plattenbausiedlung im Zentrum der Stadt. Die wirkt vielleicht in Dresden noch interessant. In Städten wie Zerbst, Köthen, Dessau, Lichtenfels und Chemnitz bewirkt die architecture triste lediglich, dass das (Ab-)Sterben eines Ortes mitten ins Zentrum des Geschehens gerückt ist. Da hilft ein sanierter Kirchturm auch nicht. Natürlich ist  nichts los. Wenn wir jemanden sehen, ist er schlecht angezogen (meine Mutter war immer adrett). Manchmal trägt er eine Glatze, auf die es regnet. Wir bleiben zwei Stunden, gegen unsere sonstige Gewohnheit kehren wir nirgends ein. Das war tiefste Punkt meines Lebens als der PR-Maschine des Ostens.

Köthen heute, an diesem halb gelungenen Tag, scheint zum zweiten Tiefpunkt dieser Karriere werden zu wollen. Ich komme mir vor wie ein verärgertes Elternteil, das seinen Sprössling beschimpft, weil er seine Qualitäten hinter schundiger Ausstrahlung versteckt. Köthen: Bachstadt. Köthen: Stadt der Homöopathie. Ist das so schwierig, diese Pfunde in Willkommensfreude an einem Fernbahnhof zu, ja, transformieren? Ich bin unfair, und das liegt natürlich auch daran, dass ich den Bahnhof Köthen heute aus den Augen eines, sagen wir aus Düsseldorf Anreisenden sehe. Halb Deutschland fährt durch diesen Ort, wenn es nach Leipzig will, versteige ich mich plötzlich. Die Telefonistin hebt kurz die Augenbraue, als ich – offenbar knurrend – aus dem Fenster starre.

In Magdeburg beschaut sich ein Penner sein zermürbtes Gebiss. In jenem Zugfenster, hinter dem ich sitze. Ich kann ihm direkt in den Mund schauen. Die gesamte Front fehlt. Er bleckt sie sich trotzdem mit den Zähnen. Ich bekomme einen hysterischen Lachkrampf, als ich es einem am Telefon erzähle. Das Kind vor mir lacht mit, bis die Mutter es rügt, weil das Baby davon aufwachen könnte.

Wir fahren durch Braunschweig. Stadt der Wissenschaft steht in großen Lettern da. Volle Bahnsteige. Mir fallen zu viele Leute ein, die mir erzählen, dass sie immer froh / deprimiert sind, wenn sie über diese Grenzen fahren.Ich ignoriere Braunschweig so gut es geht und fahre mittelmäßig gelaunt bis Hannover. Der Schaffner bescheidet den Umsteigern kurz vor Halt, in diesem Zug sitzen zu bleiben. Der fragliche ICE sei verspätet, der IC schneller am Zielort Köln. Ich seufze. Die Liste der IC-Haltestellen bis dort ist lang. Der Zug quillt über von Auf-den-verspäteten-ICE-Wartenden und Neu-in-den-Zug-Einsteigern, die die Plätze der In-einen-nicht-verspäteten-ICE-Umsteiger einnehmen möchten. Ein Schaffner pickt besonders Bedürftige von den Fluren heraus, was nicht nur zu Freude führt (Seh ich etwa so alt aus? Ich kann noch sehr gut stehen!). Die Telefonistin geht in die fünfte Stunde mit ihrem Freund, jetzt steht sie, da ihr Platz reserviert ist, direkt hinter mir. Es ist voll. Es ist heiß. Ich sehne mich nach dem halbleeren Zug im Osten zurück. Wir fahren durch Bielefeld, wir fahren durch Gütersloh, wir fahren durch Hamm, wo die Dame mit dem Mobiltelefon endlich aussteigt.

Wir fahren durch Hamm, und es wird trist. Es dauert ein wenig, aber als ich die mir hinlänglich, aber nicht freiwillig bekannte Reichsflagge wehen sehe, irgendwo zwischen Hamm und Dortmund und, äh, Hagen?, fällt mir ein Stein vom Herzen, dass ich einige deprimierende Statistiken über diesen Teil des Westens gelesen habe. Nachdem ich sie gelesen hatte, wusste ich, wo ich auf keinen Fall wohnen werde. So passiere ich das Ruhrgebiet in seinem Rücken und denke, dass doch mehr zusammengehört, als man denkt.

Nachtrag: Einige Tage später finde ich meine Reaktion ziemlich übertrieben und revanchistisch. Längst von der Wirklichkeit überholt, der Zwang, immer noch in der Kategorie gesamtdeutsch zu denken. Ganz besonders beim Zugfahren, wie nun jeder weiß. Ich werde über Frankfurt zurückfahren. Vom Süden aus fährt man in den Osten hinein, wie er wirklich ist: Schön und wild und mit kulturellen Glanzlichtern versehen. Aber ob Goethe je im Ruhrgebiet war, schlage ich noch nach.

Unanstand



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Mir gegenüber sitzt ein Pärchen mit Hund. Der Mann trägt seinen Schopf, wie hier üblich, sehr kurz. Die Haare der Frau hingegen sind lang und schwarz, was mich hoffen lässt.

Ihr nicht uncharmant zwischen Jugend und Reife oszillierendes Gesicht erinnert mich an jemanden. Jemanden aus einer längst verblichenen Zeit, einer Zeit, die mir im Nachhinein als Aneinanderreihung von Nächten erscheint, in entweder stickigen, brüllend lauten, zugleich knisternden, auf jeden Fall jedoch halbdunklen Räumen, oder entlanglaufend an Flüssen, flüsternd oder schon nicht mehr flüsternd; auf alle Fälle waren es immer verheißungsvolle Nächte gewesen, an die mich die Frau an diesem unauffälligen Dienstagmorgen erinnert. Während der Zug unvermindert vorwärts rattert, laufen meine Gedanken rückwärts, und ich folge ihnen, mit halbem Widerstand, denn sie sind gefährlich für mein Gleichgewicht.

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Rückwärts


Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Die Knattermöhre trägt mich durch blendend helle Gefrorenheit. Es ist Montag und ich fahre aus Leipzig nach Berlin. Die Bahn droht zu streiken, die Berliner S-Bahn tut es auf ihre Weise längst – so lasse ich mich von meinem grünen Ford auf einer fast leeren Autobahn gen Norden tragen. Dass ich dabei in umgekehrter Reihenfolge die Orte passiere, in denen ich gewohnt habe, wird mir erst klar, als ich am ersten vorbeirausche.

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