Ja, wo lebe ich denn hier?


Die Wahl sitzt mir in den Knochen. Die AfD ist erste politische Kraft in Sachsen, meiner Wahlheimat. Und in zwei Jahren sind Landtagswahlen – die SPD traditionell schlecht, die CDU blutleer. Wo soll das noch hinführen?  

Ich ertappe mich dabei, durchzurechnen, was es kostet zwischen Berlin und Leipzig zu pendeln. Auch Leipzig hat versagt – insgesamt 18,3% wählten braun. Ja, es ist braun, nicht blau, man täusche sich nicht.  

Die Reaktionen meiner hiesigen Freund*innen sind überwiegend: Schock (und Tränen), Umzugspläne oder beißender Zynismus. Für uns Nicht-AfD-Wähler (in Sachsen: 73%) gleicht diese Wahl möglicherweise der Brexit-Wahl für die „Remainer“ in England. Es ist in unserer Lebensrealität nicht vorstellbar, dass Menschen, nur weil nicht alles passt, Volksverhetzer wählen. Es ist nicht vorstellbar, dass man als volljähriger Mensch nicht zu Ende denkt, bevor man ein Kreuz setzt. Es ist nicht vorstellbar, dass ernsthaft jemand sagt, dass alle Flüchtlinge schlecht oder alle alleinerziehenden Mütter Schlampen seien (das nehme ich übrigens auch persönlich) und von denen gewählt wird, die sich ständig gegen Pauschalisierung wehren müssen (alle Ossis und wahrscheinlich bald auch: alle Sachsen). Wir greifen uns an den Kopf und fragen uns, was seit Kant oder wenigstens seit 1945, was seit 1990 oder wenigstens seit Trump 2016 hängen geblieben ist: ist der gesellschaftliche Fortschritt, Demokratie und Aufklärung verpflichtet, schlicht vorbei? 

Ziehen wir die mediale Hysterie einmal ab, finde ich die Analyse fragwürdig, dass wir in gefährlicheren Zeiten leben. Alle Statistiken zeigen, dass es weniger Kriege, Tote und Terroranschläge gibt als früher. Die Wirtschaft wächst, deutlich auch hier im Osten, und im Vergleich zu anderen Ländern sollte wirklich jeder von uns jeden Morgen einmal Danke sagen. Stattdessen: dieses Ergebnis! 

Vielleicht liegt es an einer Unsicherheit auf politischer Seite: wie gehen wir denn jetzt damit um, dass es uns gut geht, aber sich viele schlecht fühlen? Wie gehen wir damit um, dass eigentlich keiner so richtig weiß, wie die ökonomischen, ökologischen und politischen Bedingungen sich entwickeln? Ganz ehrlich: ich weiß keine Antwort. Seit Sonntag umso weniger. Da ist sie sehr deutlich: Das Leben ist hart, aber schön. Stellt euch nicht so an. Wir sind hier nicht im Takka-Tukka-Land. Unschwer zu erkennen, dass ich nichts von irgendeinem Kuschelkurs halte – auch deshalb, weil er meines Erachtens schon seit der Wende versucht worden ist. Manches, was die Leute hier heimlich denken, ist einfach Mist: Ausländer raus? Mist. Früher war alles besser? Mist. Ich habe Angst vor der Zukunft? Dann geh’s an.   

Es gibt reale Probleme, ja. Aber: Ich kenne eigentlich niemanden, der keine hat. Auch Menschen mit Geld haben Sorgen. Da sie anderen, denen es schlechter geht, zum Teil mitversorgen, sollte man den Ball flach halten. Jeder hat, in Anbetracht seines persönlichen Vergleichswertes, Sorgen. Manche sind existenziell. Genau dafür (und sonst für nichts) sind Politiker die richtigen Ansprechpartner. Die Politik ist kein Wegwischautomat für persönliche Versäumnisse. Diese sind aber mindestesns Teil der derzeitigen Misere.  

Es gibt Dinge, die ich in meinen über fünfzehn Jahren in Ostdeutschland nie verstanden habe: die große Sehnsucht, der Staat möge alles regeln. Wollt ihr grau werden, bevor etwas passiert? Es ist Staatsräson, dass der Staat das Notwendige bereit stellt, damit es für alle reicht. Der Staat muss kompliziert sein im Geldausgeben. Den Rest muss man sich schon selbst organisieren Motzen statt handeln, denn es hat noch nie geholfen. Nie. Und es ist kindisch. Außerdem: sich abgehängt fühlen. Ich frage mich: wovon denn, bitteschön? Ich fahre auch kein dickes Auto und auf dem Dorf, in dem ich gelebt habe, gab es keinen Supermarkt. Mein Büro hat erst seit zwei Monaten Internet, das wir schnell nennen können, und das mitten in Leipzig. Wähle ich deshalb Protest? Und, dann: früher war alles besser. Gauland meint damit übrigens, wie er am Sonntag erneut bestätigte, damit eine 40 Jahre alte westdeutsche (!) Republik, vor der Wende, vor der Globalisierung. Ich kenne niemanden, der nicht manchmal seufzt, dass es früher besser war (zumindest ab Mitte Dreißig). Klaro: Es war IMMER besser früher. Damals, als wir noch nicht wussten, welche Chancen wir verpasst haben. 

 

Andererseits: Was kann ein demokratischer, marktwirtschaftlicher Staat? Chancen gerechter verteilen, allerdings eben auch für Leistungsträger, klug haushalten, darauf achten, dass das Gemeinwohl nicht das Wohl Weniger wird. Mit seinem Leben klarkommen muss man allerdings selbst. Ich selbst empfinde das eine großartige Entwicklung. Als Frau. Als Westdeutsche. Deshalb war Bundespräsident Gauck a.D. ein Segen: Sein Thema der Selbstermächtigung brachte es auf den Punkt. Selbstverantwortung für sein Leben übernehmenEr hat die Wunden und Schwächen „seiner“ Landsleute gekannt und ich bin mir recht sicher, dass ein Gauck es besser vermochte hätte, den Selbst-Abgehängten klar zu machen, wohin es führt, wenn sie eine Partei wählen, die für Ausgrenzung und Abwertung steht.  

Das Problem an der AfD ist: keine andere Partei bietet derzeit einen Ort für diejenigen, die den Fortschritt anhalten wollen: all diese Themen von Digitalität bis Diversität wirken von Oberbayern bis Oberlausitz abstrakt oder gar gruselig. Worum geht es hier, fragen sie sich. Was macht das mit meinem Leben? Der Erfolg der AfD in Bayern  

Selbst ich fand den Gag von #felidwgugl ziemlich mau und mag mir nicht vorstellen, wie er in den Niederungen der Provinz angekommen ist. Wer die Wirklichkeit studiert, weiß doch, dass es eine digitale, häufig urbane Elite und eine nicht-so-digitale-, eher rurale Mehrheit gibt, für die diese Buchstabensuppe wahrscheinlich Realsatire war: genau so gut versteht die Merkel uns, ha ha. Falls mans dann entwirrt hat, beantwortete die Kampagne dann noch nicht mal die eigentliche Frage: Ja, lebt es sich denn gut und gerne hier? Die Kopie des Wahlkampfes 2013 hat nicht funktioniert: ein Merkelgesicht und ein markiger Spruch, das reicht wohl nicht.  

Was ich nicht glaube, dass die Ostdeutschen wollen, dass es anderen schlechter geht. Ich glaube auch nicht, dass sie wirklich wollen, dass ein erneuter Braindrain einsetzt, weil Menschen (wie ja vielleicht ich) die Nase voll haben und gehen. 

Ziemlich sicher bin ich mir aber, dass am Sonntag eines abgewählt werden sollte: die Komplexität des heutigen Lebens. Ein Leben, in dem ich selbst regelmäßig Jobchancen suchen, selbst meine Vorsorgeangelegenheiten klären, selbst meine Kinderbetreuung organisieren, selbst entscheiden muss, ob mein Gegenüber Freund oder Feind ist, und – vor allen Dingen – mich im Zweifelsfall selbst begeistern muss, fällt uns allen schwer. Vielleicht war der Sprung größer hier im Osten? Immerhin begegne ich im sächsischen Bildungssystem noch heute Erzieher und Lehrer, die nicht wissen, welche Form des Zusammenlebens sie jetzt eigentlich lehren sollen: die alte, ein solidarisches Gruppen-Ich oder die neue Selbstverantwortung für das einzelne Kind, um auch im individuellen Krisenfall gerüstet zu sein? Als biographischen Irrtums bezeichne ich es noch heute, dass ich derzeit von der schwäbischen Ordnungsliebe in die sächsische flüchtete.  

Wenn wir jetzt, wie Frau Merkel, sprachliche Brücken für die Abgehängten bauen, versprechen, dass wir uns um sie kümmern, wie ängstlich wird dann der gesamte politische Diskurs? Und wie motzig. 

Die Reaktionen am Wahlabend zeigen, wie schwer das wird: Die einen verkünden trotz Wahlverlusten den Wahlsieg, die anderen erklären die Opposition zur gewichtigen Rolle. Ich wünsche mir hier deutlich mehr Selbstkritik – was ist der jeweilige Kern der Politik? Wie setzen wir ihn künftig um? Stattdessen: Personalien und ein empfindlicher Seehofer. Aber, für mich, machen diese beiden Imperfektionen des politischen Betriebs immer noch einen großen Unterschied zu der neuen Normalität, wenn ein 76-Jähriger im Aufbäumen seiner letzten Testosterone die Jagd ausruft – um DAS dann bei Anne Will als normalen politischen Diskurs hindreht, ohne das wirklich Gegenwehr kommt. Für mich ist die AfD ein Haufen voller Lügner. Sie belügen das Establishment und sie belügen (siehe Petry) ihre Wählerschaft.  

Im WeidelGauland-Sprech: ist das fair? Ist es fair, dass die schlechten Straßen im hinteren Zipfel des Erzgebirges (über deren Zustand einige in NRW vielleicht neidisch sind!) darüber bestimmen, wie ich mich heute fühle? Grausam, die Statistiken, die – wie Kabarettist Voker Pispers schon vor Jahren maliziös bemerkte – zeigen, dass dort häufiger rechts gewählt wird, wo weniger Ausländer sind. Der Unterschied zwischen der NDP damals und der AfD heute: die Furcht, dass wir ein neues Establishement bekommen. Ein reaktionäres, anti-emanzipatorisches und rassistisches Establishment, basierend auf einer jahrzehntelang verkündeten Lüge: ohne die gings uns besser.  

Die Raute ist wahrscheinlich nicht die richtige Antwort darauf. Merkel erinnert ich manchmal an einen meiner begabten, aber in Sachen Engagement eher lauwarmen Lehrer, der bei einer Schulaufführung den unvergessenen Satz geäußert hatte: „Wenn es heute Abend schön wird, sind es meine Schüler. Wenn nicht, sind es ihre Kinder.“ Doch, Frau Bundeskanzlerin, das ist  

Der klassische Job von Volksparteien: dafür sorgen, dass diese komplizierte Balance erhalten bleibt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Job in den letzten Jahren eher gut oder eher schlecht gemacht worden ist, weil die Wirklichkeit ziemlich kompliziert geworden zu sein scheint. Eine Kritik am Establishment ist richtig und sie gilt für alle etablierten Parteien, die schon einmal regiert haben: Politik ist der Politik verpflichtet. Und nicht irgendjemandem oder irgendetwas. Und auch wenn Politik von Menschen gemacht wird, sollte es nicht allzu sehr menscheln. Wir sind lange Jahre gut damit gefahren, Parteien statt Personen zu wählen. Dafür ist freilich notwendig, dass die Parteien eine klare Vorstellung von ihrem Zielpublikum haben. 

Ein Tag nach der Bundestagswahl 2017 

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