Ganz sicher


(c) Michael Mutschler, 2011.

Barszene. (c) Michael Mutschler, 2011.

Es ist ein lauter Abend, denn alle wollen reden. K. sagt zu dem Mann hinter dem Tresen, dass er festgestellt habe, dass es laute und leise Tage gibt, ungeachtet der Anzahl der Gäste. Ob ihm das auch aufgefallen sei? Er stimmt ihm zu, auch ihm käme es vor, als ob sich die Menschen manchmal die Worte sprichwörtlich aus dem Rachen zögen. An anderen krakeelten und schwatzten sie munter und laut, wie eben heute. Ganz so, überlegt der Barkeeper, als ob es kosmischen Schwingungen gäbe, die die Weltenlaune in die eine oder andere Richtung zieht. K. nimmt einen Schluck und sagt, dass er Kolleginnen habe, die sowas ja auf den Mond und so weiter schieben würden.  Manchmal höre er auch Leute, die  – sehr global, ha ha – vom globalen Stimmungsumschwung redeten und davon, wie der jetzt schon bis ins Büro oder die Familie spürbar sei. Und erst die Christen oder Esoteriker oder Anthri, Antopro, –  Anthroposophen, half der andere ihm – genau die, die hätten da sicher auch eine Erklärung. Aber K. meine doch etwas anderes, irgendetwas dazwischen. Aber, ganz sicher, da gibts irgendwas.

Dann werden K.s Augen glasig, als ob er sich zu sehr angestrengt hätte und er sieht sich um, während er noch einen Schluck  nimmt. Der andere stellt die Musik ein wenig lauter. Hätte K. die Worte dafür, würde er das vielleicht atmosphärische Aufgeladenheit nennen, etwas, das den Dingen ihre Richtung gibt, eine Schwingung, die das Naturgesetz der Entropie überwindet und den Einzelnen in das wohlige Bewusstsein bettet, nicht allein zu sein.   Die ungeklärte Herkunft des Gefühls vermittelt eine Art lyrischen Erregung, vergleichbar der, wenn man es mit einem wirklich guten Gedicht oder Kunstwerk zu tun hat. Aber so ist K. nun mal nicht.

K. sitzt in seiner  Kneipe. Von der Eckkneipe unterscheidet sie: die kahlen Wände, die großen, von außen einsichtigen Fenster und die Jazzmusik zu später Stunde. Mit ihr gemeinsam hat sie: die verlorene Sehnsucht der Stammgäste. Oder ist es bloß die Hoffnung? K. besucht sie, weil – nun er besucht sie fast täglich. Deshalb nennt er die Kneipe das Loch. Neben dem Motorradfahren ist sie das Einzige, was ihn Geld kostet, seit ihn seine Freundin mit dem besten Freund betrogen hat.

Im Loch bedeutet ein lauter Abend einen guten Abend. Offenbar werden die Menschen lauter, je besser es ihnen geht. K. freut sich, bestellt noch ein Bier und setzt sich an den Tisch, der nah am Fenster steht. K. ist ein Wandergast, pro Abend besetzt er mindestens drei Tische und er ist noch nie den ganzen Abend alleine gesessen. Irgendwer kommt immer, das macht das Loch ja auch so eckkneipenähnlich. Dass immer einer kommt, den man von gestern oder vorgestern oder vorigem Jahr kennt. Neulich hat er eine gesehen, die war seit einem halben Jahr nicht mehr da. Sie hatte ihm erzählt, dass sie sich aus dem Loch hätte herausreißen müssen, weil sie sonst dort hängengeblieben wäre. Ob das schlimm sei, hatte er provozierend gefragt. Siehste, hatte sie nur seufzend gesagt und war gegangen. Seither fand er sie nicht mehr so hübsch und er nahm sich vor, das nächste Mal nur noch knapp zu nicken, wenn er sie sähe. Er lauscht den lauten Gästen und freut sich, weil er nicht mehr lange wird warten müssen, bis die anderen aus ihren Löchern kamen. Oft genug lernte er ja auch neue kennen. K. sieht hinaus und denkt ganz kurz, dass es ein gutes Zeichen ist, dass er sich freut. Das heißt, dass er nicht depressiv ist, denn er hat gelesen, dass Depressive sich nicht freuen, wenn andere sich freuen. Dann verscheucht er diesen Gedanken, der, wie so manch anderer manchmal herbeigeflattert kam und nur mit viel Aufwand vertrieben werden konnte.

Der Kellner, der heute da war, war keiner seiner Lieblingskellner. Er fand ihn arrogant, auch weil er dieses Wort Anthor – na, Anthripo nun ja, das halt kenne und so vor ihn hinwerfe, als ob er es unbedingt kennen müsse. Musst du nicht, bekräftigte er sich selbst. Musst Du gewiss nicht. Aber, dass die Leute manchmal laut und manchmal leise waren und dass das stimmte, obwohl er nicht sagen konnte, warum, daran wollte er festhalten. Und wenn der G. nachher käme und der T., dann würde er das noch mal sagen. Vielleicht. Wenn sie nicht Wichtigeres zu besprechen hätten. Dieser geile Motorradfilm letzthin, ganz zu schweigen von den anderen. Oder wie er letzthin fast eine Schlägerei verursacht hätte, das waren Kawensmänner. K. nahm einen Schluck, es war schon beinahe wieder leer. Er sah auf die Uhr. Seit 2 Stunden saß er schon hier und keiner, den er kannte, war gekommen. Na, die da hinten, die kannte er schon, aber die sah ihn ja überhaupt nicht an. Da konnte er sich nicht hinsetzen. Zu den Jungspunden da drüben wollte er nichts, auch wenn sie erwiesenermaßen ihren Spaß hatten. Blieb nur noch der Tresen, der Kellner wurde schließlich – gut! – dafür bezahlt, dass er sich mit jedem unterhielt. Außerdem brauchte er sowieso ein neues Bier.

Dass Jazz lief, passte ihm eigentlich nicht so. Aber er war höflich genug, das nicht zu sagen. Überhaupt war er ein höflicher Mensch. Hatte er nicht letzthin einer Frau die Tür aufgehalten? Und er roch immer gut. Nach der Arbeit duschte er immer. Und zog sich frische Sachen an für seine Ausflüge hierher. Nur, wenn er allein auf dem Sofa blieb, beließ er es manchmal bei Jogginghose und Unterhemd. Dieses Saxophon-Solo machte ihn wahnsinnig. Wieso kam denn überhaupt keiner? Das Bier war schon wieder leer und nun auch die Zigarettenschachtel. Mittlerweile freute er sich gar nicht mehr, dass die anderen so laut waren. Sein eigenes Schweigen ging ihm auf die Nerven. Das Gespräch vorhin mit dem Barmann war im Sande verlaufen. Es hatte sicher nicht an ihm gelegen, er hatte sich extra in kühne Thesen verstiegen, weil er das Gefühl hatte, der andere brauche das. Ein handfestes Gespräch über zum Beispiel die Baubranche, in der er arbeitete, hätte den anderen schwerlich interessiert. Aber er war ja höflich. Seine Mutter hatte ihm erst neulich gesagt, dass ein guter Junge aus ihm geworden war. Er tat es ja auch nur ihr zuliebe, immer die dreckigen Hemden hinbringe. Er würde heute nacht gerne mit einer Frau schlafen. K. sieht sich um. Es geht auf Mitternacht zu und die die da sind, sind entweder noch besoffener als er oder hässlich. Mist. Er schaut auf seinen Bierdeckel. Darauf stehen 7 Bier. Da hinten sitzen noch zwei Frauen, ob er wohl – da stehen sie auf und gehen. Er sieht zum Tresenmann hin, der mit den Schultern zuckt. Letzte Runde sagt er und K. denkt, ach was, die spar ich mir. Er tritt auf die Straße und würde gerne bei G. anrufen, Frechheit, dass er nicht gekommen ist. Aber die Blöße will er sich nicht geben, er ist ja kein winselnder Hund. Wo geht er jetzt hin? Disko – zu weit. Nach Hause -zu allein. Auf der Straße rumlaufen – passte nicht mehr ins Image. Sein Piercing juckt, es ist schon ein Weilchen her, dass jemand bemerkt hat, dass er überhaupt eins hat. Er denkt an seine Ex und wird sofort wütend. Er dreht sich um und marschiert wieder ins Loch. Wollte gerade zumachen, sagt der Tresenmann. Ne, eine Runde haste wohl noch für den Stammgast. Aber ich versteh überhaupt nicht, wo die alle sind heute. Wer alle, war doch voll. Ja, aber ich meine, die, die ich kenne. Na, du kennst doch immer welche, sagt der andere gutmütig. Überhaupt keinen kenn ich, sagt K. plötzlich selbstmitleidig. Kein Schwein kenn ich, seit ich nicht mehr mit der Gang abhänge. Die sind doch alle weg oder im Knast oder verheiratet. Das ist doch nichts hier und wo ist überhaupt S. Die kommt auch nicht mehr, ich meine, die steht doch auf mich, nicht? Der Barmann nickt und sagt: 20,60 Euro bitte. Kein Trinkgeld, sagt K. sehr laut, wegen mangelnder Unterhaltung. Und diesem scheiß Saxophon-Solo. Der Barmann hebt eine Augenbraue, sagt aber nichts. Ist auch besser so, denkt K. Irgendwann hau ich dem auch noch eine rein. Wo sind G. und T.? Denen heizt er morgen mal so richtig ein. Die letzten Gäste gehen, eine Frau ist auch dabei, aber für die bräuchte er noch 5 Bier mehr. Man nimmt ja nicht alles, was so rumläuft. Das hat man doch noch nicht nötig. S. wäre was, aber die kommt ja nicht mehr. Versteht er nicht. Will die, dass er sie anruft? Ihre Nummer hat er. Aber hinterherlaufen, das hat er nicht nötig. Da gewöhnen die sich nur dran. Der Arm ist schwer, als er ihn hebt. Er kauft noch zwei Bier für zu Hause.

Als er über die Straße geht, sieht er S. kommen. Sie umarmt den Kellner, der gerade die Tür abschließt. Küsst sie ihn? Diesen Saxophon-Schluffi? K. kann die Hitze zwischen den Schulterblättern spüren. Scheu sieht S. zu ihm und K. dreht sich abrupt um. Scheißweiber. Verfluchte Schweißweiber. Morgen fährt er raus, mit dem Motorrad. Ganz weit weg, dahin wo’s schön still ist. Das kriegt er schon hin. Ganz sicher.

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