Rückwärts


Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Reise. (c) Michael Mutschler, 2011.

Die Knattermöhre trägt mich durch blendend helle Gefrorenheit. Es ist Montag und ich fahre aus Leipzig nach Berlin. Die Bahn droht zu streiken, die Berliner S-Bahn tut es auf ihre Weise längst – so lasse ich mich von meinem grünen Ford auf einer fast leeren Autobahn gen Norden tragen. Dass ich dabei in umgekehrter Reihenfolge die Orte passiere, in denen ich gewohnt habe, wird mir erst klar, als ich am ersten vorbeirausche.

Die Ausfahrt Bitterfeld/Wolfen erreiche ich nach etwa vierzig Minuten. Die Windmühlen grüßen freundlich. Ich bemerke mit leiser Rührung, dass selbst dieser ackerbraune Landstrich Landmarken in mir hinterlassen hat. Nur selten noch gedenke ich dieser zwei Jahre: Der Stadtnomade, der sein Familienglück in der Provinz sucht und in den Stadtausfahrten findet. Als ich fortzog, war ich froh. Die Schönheit ist die Erinnerung, und sie ist in diesem Moment, da ich die Abfahrt passiere, plötzlich allgegenwärtig. Die Autobahnabfahrt, bei der man nach einer langen Reise den Fuß vom Pedal nahm und wusste, jetzt ist man gleich zu Hause. Die Landschaft, deren Kargheit sich manchmal mit einer gewissen inneren Kargheit vereinte. Die Weite des Himmels, der sich von ewig weiten Kohlfeldern erhob, ja, die Felder, durch die man nie quer hindurchgehen konnte, weil keiner bei den LPGs je an Fußgänger gedacht hatte. Die Sonnenuntergänge vor mehr oder weniger verfallenen Herrenhäusern. Die Menschen, die vor allem nie da waren, wo Menschen sonst sind, sich dafür aber an der einzigen Eisdiele der Stadt, der KfZ-Werkstatt in der letzten Straße des Dorfs oder in einer Laube versammelten. Straßen, die nicht für Radfahrer gebaut waren; Busse, die in den Schulferien nicht fuhren; meine Gewissheit, sie müsste sich verfahren haben, als ich im Dorf eines Tages eine ausländische Familie sah; die fehlenden EC-Automaten; Feuerwehrfeste, bei denen auch fünf Bier nicht halfen; die neue Dialektfärbung der Kinder, die im Wort „Orsch“ gipfelte; ein riesiger Garten; schwere Äpfelbäume, die wir liebevoll entleerten; zu viele Hunde; Igel und Katzenpisse im Keller; einen Salon als Wohnzimmer, in dem ich Autorenlesungen veranstalten wollte, es aber nie tat; die Vorsicht, mit der Leute uns in der ostdeutschen Provinz (nicht) besuchten; eine Küche, halb so groß wie meine Wohnung jetzt; ein Arbeitszimmer mit vier Fenstern, Sternenhimmel, Eiseskälte, kein Sushi-Reis im Umkreis von 20 Kilometern, dafür ein Einwohner pro Windrad. Die stoischen Gesellen staken in den blauen Himmel, als ich vorbeifahre. Ihr unverwüstlicher Gleichmut stimmt mich seltsam heiter.

Schon immer habe ich das Wort „Fläming“ geliebt. Es riecht nach Heidekraut und schmeckt nach schwarzem Tee, es fühlt sich nach Wind an und Schlafen im Sommerheu. Immer wollte ich wissen, ob die Region diesem Mythos standhält. Mehr als sonst bedaure ich es, auch heute nicht in die Brandenburger Heide abgebogen zu sein, als ich in Potsdam einfahre und erst einmal steckenbleibe. Es ist und bleibt die Stadt unlogischer Straßenführung. Seit das Stadtschloss wiederaufgebaut wird, hat man das Gefühl, erst nach Sanssouci fahren zu müssen, bevor man in die Innenstadt kommt. Abzweigungen sind nicht ausgeschildert, Abbiegungen verlaufen ins Leere. Ich fahre über Kopfsteinpflaster, ständig bedroht von Einbahnstraßen, und ende schließlich in einer Sackgasse.
Ich habe reichlich Zeit für Erinnerungen. Und Potsdam, das ich vornehmlich mit Kinderwagen und Radanhänger durchstreift habe, bietet mir an fast jeder Ecke eine. Es erscheint mir schöner als damals. Und größer. Damals war es nur Nicht-Berlin für mich, 35 Minuten zu weit entfernt von der Hauptstadt, zu speckgürtelig und wohlstandsgetragen für eine Frau Mitte Zwanzig, die unversehens zur Kinderwagen-Combo gehörte. Die Bilder, die mich überfluten, sind bittersüß. Sie lehren mich erneut, dass nicht nur Geburtsschmerzen, sondern auch durchwachte Nächte, langweilige Nachmittage, stundenlange Zwangsspaziergänge, Vorlesestunde mit Heita-Reimen und die mühselige Umstellung vom Erwachsenen zum Elternteil am Ende mit Leichtigkeit vergessen ist im Angesicht eines lachenden Kindergesichts. Schlimmer noch: Der Anstrengung wird mit Wehmut gedacht. Die Ahnung, dass am Ende das besonders Erlittene das besonders Schöne sein wird, woran man sich erinnert, wenn es nur noch zu erinnern gibt, verfolgt mich zwei Tage. Mein Gedächtnis findet alle naselang Standbilder, die als Metaphern für nicht begriffenes Glück herhalten müssen. Eine Weile versuche ich, sie abzustreifen. Erst als ich ihnen erlaube einzutreten, verlieren sie die Gewalt über mich.

Anders als in Potsdam, wo ich wie ein Geist im Schloss gewandelt bin, mischen sich in Berlin nicht nur Geräusche, Gerüche, Hautfarben und Sprachen, auch meine innere Navigation ist durcheinander. Ich bin irgendeine ehemalige Studentin in Neukölln. Arm, aber glücklich. Ich schreibe meine Magisterarbeit und bin eine arme Dichterin, die an der Aldikasse ihre Pfennige zählte. Meine private Pleite – Nachwehen meiner Pariser Zeit – erschien mir damals wie eine große Bedrohung. Dass ich die Intensität eines Milchcafés, an dem ich mich drei Stunden beim Verfassen eines (unvollendeten) Romans  festhielt, jetzt glorifiziere, ärgert mich beinahe. Ich bin eine erfahrene Touristin, die die Baukräne zählt. Einzig das Holocaust-Denkmal ergreift mich, die Erhabenheit der anderen Denkmäler scheint mir auf das Format geschrumpft, in dem es am besten verkäuflich ist: das der Postkarte. In einer Kneipe  sehe ich zum ersten Mal jemanden eine „Line“ ziehen und werde mehrfach und in verschiedenen Sprachen nach dem Weg gefragt. Ich bin die Autofahrerin, die sich in der Einbahnstraße in einem Parkplatz verkeilt und von – das muss ich festhalten: netten – Berlinern herausgelotst wird. Ohne Frauenwitze. Vor allem aber bin ich eine mobile Geschäftsfrau, stets auf dem Weg von einem ins nächste Café. In Kreuzberg gibt es Märkte, die nur noch türkische Namen tragen, aber dafür auch Cafés, die halb so teuer sind wie in Leipzig. Ich treffe Freunde, die hier einen Job haben, und bin nicht neidisch. Als Frau wird man in Berlin übrigens nicht mehr eingeladen – ich könne es ja jetzt von der Steuer absetzen, heißt es. Wechsle ich den Standort, scheitere ich daran, das U-Bahn-Netz zu lesen und löse zu teure Tickets. Ich habe am Ende möglicherweise alle Berliner Filialen des „Café Einstein“ besucht und trinke nur noch Tee.
Am zweiten Tag bekomme ich die Elendsdepression. Ein Roma-Kind, das mich aus einem verdreckten Gesicht mit diesen großen, schönen Augen ansieht. Ein humpelnder Jugendlicher, der den Kopf einzieht wie ein Veteran. Eine Bettlerin, die in Filzlumpen eingehüllt ist. Eine Türkin mit geschwollenem Gesicht. Vielleicht habe ich einen Defekt. Vielleicht ende ich eines Tages mit einer zerbrochenen Flasche im Hals, weil ich zur falschen Zeit jemandem helfen wollte. Ich weiß nicht, wie andere in Entwicklungsländer fahren können. Schon in Berlin gehts mir irgendwann immer an die Nieren. Der Impuls, etwas tun zu müssen, und die Einsicht, nichts tun zu können, versetzt mich dieses Mal in tiefe Agonie.
Ich setze mich ins Auto, mein grünes Containerschiff in einem Giftmeer. Zerbeult, aber stabil trägt es mich durch die Kreisverkehre, die mich nicht mehr schrecken. Der Berliner Westen gefällt mir besser, aber vielleicht ist es einfach auch wärmer geworden in den letzten zwei Tagen. Ich zähle die Buchläden am Savigny-Platz und kehre dann entschlossen ein in das letzte Café meiner Berliner Tage.

 

(c) Anja Mutschler. Das Werk sowie die darin enthaltenen Illustrationen sind urheberrechtlich geschützt.

 

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