Der Rabe hackt am Panzer …



Raben. (c) Michael Mutschler, 2011

Raben. (c) Michael Mutschler, 2011

Eine analytische Haltung ist etwas wunderbares. Sie kontrolliert ein Ich, das ständig überschäumen möchte, sie biegt es zurecht für den sozialen Gebrauch und verleiht Autorität, wo vielleicht nur Hilflosigkeit wäre. Sie ordnet, gibt den Dingen Struktur und verleiht Selbstkontrolle. Eine analytische Haltung ist das Gegenteil zu der assoziativen, die Peter Wawerzinek in seinem Buch Rabenliebe perfektioniert hat, und die kein Stein auf dem anderen lässt.

Ein Seelenjaulen, das zugleich tröstlich war, ein Sprung im Herzen, der zugleich heilsam war, das waren die unmittelbaren Folgen dieser Lektüre auf mich.  Wawerzinek schreibt in unnachahmbar phantastomanischer Weise über sein Leben als Heimkind, Pflegekind, als Mensch, der, auch erwachsen, nach der leiblichen Mutter sucht. Jene hat sich in den Westen abgesetzt, und es ist symptomatisch für das Buch, das es keine befriedigende Erklärung dafür bietet, warum die Mutter ihre zwei Kinder zurücklässt (um hernach noch acht andere zu gebären). Sie bleibt am Ende, als Wawerzinek und der Leser sie besuchen, ein unverständlicher Mensch, bei dem die Herzenskälte überwiegt. Keine Relativierungen, kein falsches Verständis, stattdessen eine auf den allertiefsten Grund der Dinge, was sag‘ ich, der Seele tauchende Anklageschrift über die Folgen eines mutterlosen Lebens erwarten den Leser. Bekannte und unbekannte Meldungen von vernachlässigten oder toten Kindern schiebt Wawerzinek übergangslos ein und lassen mich auf einer Zugfahrt nach Tschechien weinen.

Die Radikalität, die Wawerzinek an den Tag legt, scheint durch keinen Psychoanalytiker erklärt oder gar gebannt worden zu sein. Sie ist so unmittelbar wie seine selbst proklamierte Unfähigkeit, ein anderes Lebensthema als die RabenMutter zu entwickeln (auch schon so ein Wort). Niemand hat ihn, zumindest erfolgreich, auf eine andere Spur gesetzt. Ihn gelehrt, Ironie sich und dem Schicksal gegenüber zu entwickeln. Nach vorne zu sehen. Chancen zu ergreifen. Stur beharrt er auf seiner Urverletzung und ist darin der totale Gegenentwurf zur durchanalysierten Gesellschaft heutiger Tage.

Beim Lesen habe ich einen Panzer um mich gespürt, den ich vorher nicht wahrgenommen habe. Ich musste das Buch oft weglegen und mich anderen Themen zuwenden. Aber ich spürte die Risse in meinem Konkon. Ich denke seitdem über eine nicht hermetische Möglichkeit nach, dem Empfinden einen größeren Stellenwert beizumessen. Ich stelle fest, dass es in privater Hinsicht von Vorteil sein kann, nicht abgeklärt zu sein. Ich begrüße eine Wut neu, die ich, weil ich sie verunklarend fand, vor Jahren beiseite geschoben habe. Wegen eines Buches! Wawerzinek, der in gewisser Weise meinen Verstand gekapert hat, hat wichtige Fragen gestellt. Dazu gehört die, warum der Affekt – der einen ruinieren kann, zweifelsohne – bekämpft werden soll.

Am Ende stellt sein literarisches Ich fest, dass es keine Erlösung von der Muttersehnsucht geben wird. Erst dann kann er die Mutter sein lassen, wie sie ist. Und weiter leben. Der Autor der Rabenliebe stellt sich. Nicht im Gespräch. Sondern im Erleben.

P.S. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich eine Gesellschaft ihre Ergriffenheit austreibt, ist das Dossier zu Monika Lierhaus im Spiegel. Man lese es in umgekehrter Reihenfolge. Der Verdrängung des Affekts durch den Verstand ist überdeutlich.

(c) Anja Mutschler

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